Eintausend Wölfe – ein Schuss ins Dunkel

Eintausend Wölfe – ein Schuss ins Dunkel

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13.07.2018

Kein Interesse an Zahlenspielereien – Welpen an einer Wurfhöhle in Westpolen, mit der Kamera eingefangen von Lech Jedras.

Eintausend Wölfe sollen es in Deutschland sein. Das hat der Deutsche Jagdverband (DJV) verkündet. Das Forum Natur mit 18 angeschlossenen Lobbyverbänden schließt sich an, ein Staatssekretär vom Landwirtschaftsministerium stößt ins gleiche Horn. Jürgen Lückhoff von der Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände meint gar, die Zahl tausend sei „ehrlicher und deutlicher“ als die offiziellen Zahlen des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) bzw. der DBB Wolf. Die sind allerdings vom April 2017 und nicht von Ende 2018.

Kann Herr Lückhoff nicht lesen? Kann der DJV nicht rechnen? Fest steht zunächst nur dies: Die Zahl eintausend ist weit überzogen und durch nichts begründet. Sie ist Wunschdenken, und das ist sonderbar; denn bei DJV & Co. will man eigentlich gar keine Wölfe haben. Aber wenn schon, dann mindestens tausend. Schizophren ist das – oder?

Die Zahl eintausend hat in der Wolfsdiskussion einen gewissen Charme, weil sie als Richtwert gilt für das Erreichen des günstigen Erhaltungszustands der Population. Gemeint sind allerdings erwachsene Wölfe. Die machen zwar nur rund ein Drittel der Gesamtpopulation aus. Aber solche essentiellen „Kleinigkeiten“ werden gerne verschwiegen. So meinen denn manche, wenn es erst mal tausend sind, dann könnte der Wolf von Anhang IV (streng geschützt) in Anhang V herabgestuft werden (immer noch streng geschützt), aber eine Bejagung würde sich dann leichter durchsetzen lassen. Manche bilden sich sogar ein, die käme dann automatisch. Ein Trugschluss, wie so vieles in der Wolfsdiskussion.

Ein Trugschluss ist auch die Behauptung des DJV, wir hätten es mit eintausend Wölfen zu tun. Wie kommt er darauf? Ich habe nachgefragt.

Zunächst bin ich auf ein Frage-Antwort-Spiel auf der Website des DJV verwiesen worden. Da kann man lesen, dass man zu Jahresbeginn (2018) von 800 Wölfen ausgegangen sei. Wie man auf diese Zahl kommt – das steht da nicht drin. Raoul Reding vom Landesjagdverband Niedersachsen und dort zuständig für das Monitoring, unterstellt bundesweit für Anfang 2018 nicht 800, sondern 500 Tiere. Die Grundannahmen von Bundes- und Landesverband klaffen also gleich mal um einen Bauernschuh auseinander.

Nochmal nachgefragt heißt es, Grundlage seien „bekannte Mittelwerte von Rudelzusammensetzung und -stärke.“ Man gehe von jeweils fünf bis zehn Individuen pro Rudel aus. Das aber sind aus dem Ärmel geschüttelte Zahlen und schon gar keine „Mittelwerte.“ Und weiter von dem offiziellen Stand im April 2017 (60 Rudel, 14 territoriale Paare, drei ortsfeste Einzeltiere) sowie einer jährlichen Zunahme der Population von 30 %.

Wie reimt sich das auf über tausend Wölfe zum Ende von 2018? Gar nicht.

Wie viele Wölfe sind es nun also – insgesamt, und zu welchem Zeitpunkt? Damit die lieben Seelen, die ohne Zahlen nicht auskommen, ihre Ruhe haben, habe ich meine Empfehlung von 2015 überarbeitet. Wenn Sie sich vor Zahlen nicht fürchten und über einen unverwüstlichen Glauben an Zahlen verfügen, hier können Sie das nachlesen.

Für Ende 2018 ergibt meine Schätzung insgesamt etwa 837 Wölfe. Etwa 300 davon sind erwachsene Tiere.

Hier ein Eingeständnis: Mit Datum vom 09.07. war ich von 644 Wölfen ausgegangen. Ich hatte übersehen, dass die Population bis Ende 2018 um 30 % wächst – wenn es so weitergeht wie bisher. Oliver Weirich hat’s gemerkt – vielen Dank! Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wissen wir allerdings noch gar nicht, wie viele Rudel für April 2018 bestätigt werden. Wir geraten mit solchen Prognosen schnell in den Bereich der Spekulation!

Diese Schätzung darf also jedermann anzweifeln. Und selbstverständlich steht vor jeder Zahl ein großes „ungefähr“. Aber drehen und wenden Sie es wie Sie wollen: Von eintausend oder gar mehr sind wir weit, weit entfernt.

Ich bin gespannt, ob der DJV über seinen Schatten springt und seine tausend Wölfe aus dem Verkehr zieht. Wer derart hemdsärmelig mit dem Thema Wolf umgeht, muss sich die Frage gefallen lassen, wie er sich seine Rolle im Management dieser Tierart vorstellt. Auf seine Stimme als sachkundiger Verband kann jedenfalls gerne verzichtet werden.

Weidmannsheil, meine Herren.

Ihr

 

 

 

Seit über fünfzig Jahren passionierter Jäger.

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