Wie viele Wölfe?

Wie viele Wölfe?

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13.07.2018

Herleitung einer Faustzahl zur Schätzung der Individuenzahl

(Die Herleitung vom 08.07.2018 wurde korrigiert).

Das Wolfsmonitoring für Deutschland stellt alljährlich zum Ende April (Ende des Monitoringjahres) die Anzahl der bestätigten Rudel, territorialen Paare und ortsfesten Einzelwölfe fest. Die Veröffentlichung erfolgt fünf Monate später, wenn die Daten analysiert und über die Ländergrenzen hinweg abgeglichen sind. Eine Gesamtzahl der Wölfe (Individuen) zu erheben ist nicht möglich und auch nicht das Ziel des Monitorings.

In der öffentlichen Diskussion wird jedoch häufig die Frage nach der Anzahl der Wölfe gestellt. Die fehlende Antwort wird nicht nur als Mangel empfunden, sondern bildet auch den Nährboden für Spekulationen.

Hier wird deshalb ein Versuch vorgestellt, die Anzahl der Wölfe anhand der beim Monitoring bestätigten Rudel (Familien) zu schätzen. Mangels konkreter Daten muss dabei auf Annahmen zurückgegriffen werden. Deshalb sind die Ergebnisse lediglich als eine grobe Annäherung an die Realität aufzufassen.

Zeitlicher Bezugspunkt ist das Ende des Monitoringjahres, also der 30. April.

Erwachsene (geschlechtsreife) Wölfe sind Elterntiere sowie alle Jungwölfe, die das Familienrudel verlassen haben, also sesshafte oder nicht sesshafte Einzelwölfe und bereits verpaarte Wölfe (territoriale Paare).

Im Weiteren gelten folgende Annahmen:

1 Ein Rudel der ersten Generation (es zieht zum 1. Mal Welpen auf) besteht zum Jahresende aus sechs Tieren, nämlich zwei adulten (die Eltern) und vier juvenilen (die Welpen). Bei der Geburt sind es im Mittel fünf. Es wird eine frühe Mortalität von 20 % unterstellt. Damit bleiben vier Welpen zum Jahresende.

2 Ein Rudel der zweiten oder späteren Generation besteht aus acht Tieren, nämlich zwei adulten (die Eltern), vier juvenilen (die Welpen) sowie zwei subadulten (die Jährlinge, die noch im Rudel verblieben sind). Zwei weitere Jährlinge seien bereits abgewandert (siehe 3).

3 Für jedes Rudel der zweiten oder späteren Generation gibt es demnach noch jeweils zwei erwachsene Wölfe in der Population, die das Rudel verlassen haben. Für diese wird eine Mortalität von 50 % unterstellt. Der überlebende Jungwolf ist noch unverpaart oder bereits Partner in einem territorialen Paar.

4 Bei einer Zunahme der Rudel um etwa 30 % p.a. müssen 25 % der Rudel solche der ersten Generation sein. Im Jahr davor waren das territoriale Paare.

Daraus ergibt sich:

Die Gesamtzahl der Wölfe (alle Altersklassen) ist

A – die Anzahl Rudel der 2. oder älterer Generation (A) mal neun (2 Eltern, 4 Welpen, 2 Jährlinge, 1 abgewanderter Jährling) plus

B – die Anzahl der Rudel erster Generation (B) mal sechs (2 Eltern, 4 Welpen).

Das heißt: Der Faktor, mit dem die Gesamtzahl der zum Ende des Monitoringjahres bestätigten Rudel zu multiplizieren ist, ist 9 mal 0,75 plus 6 mal 0,25 = 8,25.

Das Ergebnis ist die Zahl aller Wölfe zu diesem Zeitpunkt.

Die Anzahl der erwachsenen Wölfe ist die Gesamtzahl der Rudel mal 3.

Kritik an den Annahmen:

1 Anzahl Welpen: Mit einem Mittelwert von fünf, die die Wurfhöhle verlassen, liege ich gut bei den mir bekannten Monitoringergebnissen.

2 Mortalität der Welpen 20% im 1. Lebensjahr – keine Daten, aber vermutlich ist die Mortalität höher.

3 Zwei Jährlinge verbleiben im 2. Lebensjahr im Rudel – keine Daten.

4 Einer von vier Jährlingen erreicht nicht das geschlechtsreife Alter – keine Daten.

Kommentar:

Die Monitoringergebnisse der DBB Wolf bestehen aus der Anzahl bestätigter Rudel, territorialer Paare und ortsfester Einzelwölfe. Noch nicht ortsfeste Einzelwölfe können nicht bestätigt werden. Sie fehlen daher in der Gesamtaufstellung. Auch bei den ortsfesten Einzelwölfen und den territorialen Paaren ist von einer Unterschätzung auszugehen, weil sich Ortstreue bzw. Paarbildung oft erst gegen Ende des Monitoringjahres einstellt und nicht mehr erfasst werden kann.

Als Schätzgrundlage werden deshalb nur die bestätigten Rudel herangezogen. Alle anderen Wölfe (territoriale Paare, ortsfeste und noch nicht ortsfeste Einzelwölfe, sog. Floater etc.) rekrutieren sich aus den Jungwölfen (meist Jährlinge), die das Rudel verlassen. Alle diese nicht in Rudeln lebenden Tiere machen lt. Fachliteratur etwa 10 – 20 % der Population aus. Die methodisch bedingte Unterschätzung dieses Populationssegmentes fällt also nicht stark ins Gewicht.

Anwendung:

Nehmen wir als Beispiel die 60 bestätigten Rudel 2016/17. Die Faustzahl 8,25 ergibt für April 2017 insgesamt 495 Wölfe .

Die Zahl der erwachsenen Wölfe ist 60 mal 3 = 180. Der offizielle Wert der DBB Wolf – ermittelt mit anderen Methoden – liegt bei 150-160. Die Differenz von 20-30 bei den erwachsenen Wölfen ist plausibel, weil unverpaarte, nicht ortsfeste Wölfe vom Monitoring nicht erfasst werden.

Wenn das jährliche Wachstum der Population um 30 % anhält, sind es 78 Rudel im April 2018 und 101 Rudel im April 2019 (bzw. zum Jahresende 2018). Das wären insgesamt 837 Wölfe. Da aber gegenwärtig die Zahl der Rudel vom April 2018 noch gar nicht ermittelt ist, sind solche Prognosen spekulativ.

Ulrich Wotschikowsky