Die Rückkehr der Wölfe – ein Missverständnis?

Die Rückkehr der Wölfe – ein Missverständnis?

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Von Eckhard Fuhr

24.08.2017

Eckhard Fuhr

Eckhard Fuhr

Das Gutachten, das Hans-Dieter Pfannenstiel für den Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband und den Verband der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Westfalen-Lippe zum Umgang mit dem Zuwanderer Wolf verfasst hat, zieht weite Kreise. Es könnte zu so etwas wie einem „Manifest“ der Wolfsskeptiker und Wolfsgegner werden. Sie werden sich in der politischen Auseinandersetzung um den Wolf immer wieder darauf berufen.

Ich will hier nicht auf einzelne Argumente Pfannenstiels eingehen, sondern mich mit einer Denkfigur auseinandersetzen, die in seinem Text immer wieder aufscheint. Es ist die Vorstellung, dass der Wolf in Deutschland zur falschen Zeit am falschen Ort sei, dass also Canis lupus nicht in die dichtbesiedelte und intensiv genutzte Kulturlandschaft der Gegenwart gehöre. Dieser Gedanke durchzieht den gesamten hoch emotionalen Streit um den Wolf. Pfannenstiel gibt ihm eine prominente Stimme.

Gleich am Beginn seines Gutachtens steht der Satz: „Der Wolf kehrt in ein Land zurück, dessen ehemalige Naturräume sich seit seiner Ausrottung weiter in Richtung Kulturlandschaft gewandelt haben.“ Und etwas weiter unten heißt es: „Selbst wenn Deutschland in einem fiktiven Naturzustand für den Wolf ein akzeptables Habitat darstellte, muss man nach meiner Ansicht die bereits bestehenden und in Zukunft vermehrt zu erwartenden Konflikte mit dem Menschen in unserer in extremer Weise geformten Kulturlandschaft stärker in Rechnung stellen. Es ist ein ausgesprochener Trugschluss, wenn manche Naturschützer die Rückkehr des Wolfs als Rückkehr zur Natur in unserem Land insgesamt bejubeln. Die Anwesenheit von 82 Millionen Menschen in Deutschland und alle ihre Lebensäußerungen und Gestaltungsmaßnahmen werden durch die Ankunft des Wolfs nicht verändert und machen unser Land zu einem vergleichsweise wenig geeigneten Wolfshabitat.“

Pfannenstiel scheint also zu glauben, dass Deutschland in den Zeiten vor der vorübergehenden Ausrottung des Wolfes um die Mitte des 19. Jahrhunderts „weniger“ Kulturlandschaft und jenem „fiktiven Naturzustand“ näher gewesen sei als heute. Passte also der Wolf vor 200 Jahren besser in die Landschaft als heute? Und wenn das so sein sollte, warum wurde er dann ausgerottet? Die Frage ist nicht so unsinnig wie sie zunächst klingen mag. Man darf, da ist Pfannenstiel zuzustimmen, den Menschen als Teil eines Ökosystems nicht ausklammern.

Am Beginn des 19. Jahrhunderts, spätestens nach den großen Flussbegradigungen und den Meliorationen im Norden und Osten war Deutschland zum allergrößten Teil wie heute auch eine vom Menschen überformte Kulturlandschaft. Es war allerdings eine radikal andere Kulturlandschaft. Es gab weniger Wald und viel weniger Schalenwild als heute. Wald und Feld waren tagaus tagein der Arbeits- und Produktionsplatz für Millionen von Menschen. Die Waldeinsamkeit ist eine Projektion, ein Sehnsuchtsbild unserer romantischen Dichter und Maler. Die Wirklichkeit war laut und geschäftig. Die Menschen, die im Wald und auf den Feldern ihr Auskommen suchten, waren arm. Sie hatten gelernt, ihr kärgliches Einkommen einer widrigen Natur abzutrotzen. Es kam ihnen nicht in den Sinn, dass diese Natur an sich etwas Schützenswertes sei, und schon gar nicht konnten sie auf den Gedanken kommen, auch der Wolf, der Viehräuber, habe einen Platz in diesem Naturganzen. Die deutsche Kulturlandschaft um 1800 war also eine ganz und gar wolfsfeindliche. Kein heutiger Wolf würde in eine solche Landschaft zurückkehren. Um 1800 waren die Wölfe in Deutschland zur falschen Zeit am falschen Platz.

Heute ist der Wolf bei uns richtig, meint Eckhard Fuhr (Foto K. Nitsch)

Heute ist der Wolf bei uns richtig, meint Eckhard Fuhr (Foto K. Nitsch)

Heute sind sie hier richtig. Die von der intensiven Landwirtschaft und zunehmend auch vom Klimawandel geformte Kulturlandschaft bietet ihnen optimale Bedingungen. Der gewaltige und kontinuierliche Nährstoffeintrag durch die Landwirtschaft ermöglicht große Populationen der klassischen Wolfsbeutetiere Reh, Hirsch und Wildschwein. In Deutschland leben heute so viele wilde Huftiere wie wahrscheinlich noch nie in der neueren Geschichte. Wald und Flur zeigen sich trotz menschlicher Freizeitaktivitäten die meiste Zeit ziemlich menschenleer. Wofür früher eine Schnitterkolonne Tage brauchte, das schafft ein moderner Mähdrescher heute in einer Stunde. Zum Holzeinschlag ziehen nicht mehr die Männer eines Dorfes den Winter über in den Wald, sondern ein Harvester zieht einsame Runden im Stangenholz. An Futter und an Rückzugsmöglichkeiten mangelt es den Wölfen heute also nicht.

Am günstigsten aber hat sich für den Wolf der Faktor Mensch im Ökosystem verändert. Die unversöhnliche Feindschaft, die in Zeiten ländlicher Armut unvermeidlich war, ist vorbei. Durch Wohlstandsentwicklung und einen tiefgreifenden Mentalitätswandel der europäischen Gesellschaften ist es nicht nur denkbar, sondern auch möglich geworden, die Rückkehr der Wölfe zu akzeptieren – auch wenn diese großen Beutegreifer manches durcheinanderbringen und Gewohntes in Frage stellen. Sie erzwingen Veränderungen bei der Weidetierhaltung und mischen auch das immer noch auf Schalenwildhege fixierte deutsche Weidwerk auf. Mancher meint, gegen diesen Durchzug helfe nur, die Fenster zu verrammeln.

Pfannenstiel gibt denen, die am liebsten alles beim Alten lassen wollen, eine rational klingende Stimme. Letztlich läuft sein umfangreiches Elaborat auf die Forderung hinaus, den Wolf „wie Schalenwild“ jagdlich zu „bewirtschaften“ – als ob Jäger in Deutschland eine Beutegreiferart je „bewirtschaftet“ hätten und das normales jagdliches Handwerk wäre. An Treuherzigkeit ist dieser Gedanke nicht zu überbieten. Und man muss sich fragen, wie ignorant und vermessen man sein muss, die deutsche Schalenwildhege zum Modell der „Wolfsbewirtschaftung“ auszurufen. Das ist nicht nur biologischer Nonsens. Das ist auch schwerer Realitätsverlust im Blick auf das, was die Jagd in Deutschland beim Schalenwild tatsächlich leistet.

Es wird nicht zu vermeiden sein und in Zukunft häufiger vorkommen, dass einzelne Wölfe oder auch ganze Rudel erlegt werden. Die Jägerschaft muss akzeptieren, dass dazu neue Akteure, amtlich bestallte Fachleute, in ihren Revieren tätig werden. Der klügere Teil der Jägerschaft weiß auch, dass das in ihrem wohlverstandenen Interesse liegt. Tote Wölfe neben Sauen, Rehen und Hirschen auf der Drückjagdstrecke, dazu Fackeln und stimmungsvolle Hornsignale – gibt es eigentlich „Wolf tot“? – man braucht nicht viel Fantasie um zu wissen, dass solche Szenen der traditionellen Jagd sehr schnell den Garaus machen würden. Und keinem Schäfer wäre mit diesen toten Wölfen geholfen. Es gehört schon eine Menge Unverfrorenheit dazu, der unbedarften Öffentlichkeit vorzugaukeln, dass die jagdliche „Bewirtschaftung“ des Wolfes die Weidetierhalter beim Herdenschutz entlaste. Die Jäger als Schutzmacht der Schäfer – das ist ein ganz schlechter Witz.