Ansichten eines Professors zum Wolf

Ansichten eines Professors zum Wolf

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24.08.2017

Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel hat für den Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband e. V. und den Verband der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Westfalen-Lippe e. V. eine gutachtliche Stellungnahme zum Wolf in der Kulturlandschaft Deutschlands verfasst. Diese Arbeit wird viel Beachtung finden, wie so ziemlich alles, was über Wölfe mit dem Anstrich fachlicher Kompetenz verbreitet wird. Hans-Dieter Pfannenstiel hat weit ausgeholt und sich damit übernommen.

Bei allem Respekt vor seiner Person darf man zunächst die fachliche Kompetenz des Verfassers für diese Stellungnahme hinterfragen. Auf Seite 11 stellt er sich selber vor. Das wissenschaftliche Arbeitsfeld des Professors für Zoologie war die „Embryonalentwicklung und Geschlechtsentwicklung verschiedener mariner wirbelloser Tiere“. Zwanzig Jahre lang war er Leiter einer Hochwildhegegemeinschaft und ebenso lange Pächter eines Hochwildreviers, zudem war er Vizepräsident des Landesjagdverbands Brandenburg. Über Schwarzwild hat er ein Buch geschrieben. Eine fachliche Kompetenz in Wolfsfragen lässt sich aus diesen Lebensdaten nicht erkennen.

Bemerkenswert ist aber, wo er sich positioniert – nämlich im Kreis ausgewiesener Wolfsgegner, an ihrer Spitze Prof. Michael Stubbe. Zu diesem Kreis zählen auch Kaj Granlund, Verfasser von „Das Europa der Wölfe“ (ein unsägliches Buch in meiner persönlichen Einschätzung), und der kanadische Professor Valerius Geist (79), ein Huftierökologe von weltweit anerkannter Reputation – aber mitnichten ein „anerkannter Wolfsforscher“, wie er von Pfannenstiel genannt wird. Die Leute um Prof. Stubbe sind insbesondere durch ihre Anstrengungen bekannt geworden, die Wölfe in Mitteleuropa allesamt zu Wolf-Hund-Hybriden zu erklären. In der Fachwelt werden sie nicht ernst genommen.

Pfannenstiels Nähe zu diesem Kreis ist mit Händen zu greifen. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen (Seite 11) hebt er ausdrücklich hervor, dass Prof. Stubbes „wildbiologische und wildökologische Expertise … allgemein anerkannt“ sei – ein unüblicher Vorgang in einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Dann zitiert er dessen Katalog von „Kernforderungen“ zur Wolfspolitik (darunter die Ausweisung von Wolfsschongebieten, die Übernahme des Wolfs ins Jagdgesetz, die Ausweisung einer Schusszeit von vier Monaten außerhalb der Schongebiete u. a.). Damit wird für Jedermann klar, welchem Kompass Pfannenstiel folgt.

Die wissenschaftliche Methode

Vom Autor einer wissenschaftlichen Stellungnahme wird erwartet, dass er zunächst die konkrete Situation anhand von verlässlichen Quellen, Fakten und Daten darstellt. In einem zweiten Schritt stellt er andere Ansichten gegenüber, ebenfalls belegt mit verlässlichen Quellen. Schließlich analysiert und beurteilt er die Situation, gibt ggf. auch eigene Empfehlungen. Das Vorgehen folgt dem Prinzip These – Antithese – Synthese und geht bereits auf „die alten Griechen“ zurück. Es hat sich seit über zwei Jahrtausenden bewährt.

Solch eine Stellungnahme verlangt vom Verfasser, dass er Quellen von beiden Seiten sammelt und auf ihre Verlässlichkeit (Plausibilität) prüft, und dass er sich um eine gewisse Ausgewogenheit der Pro- und Kontrabelege kümmert. Im dritten Schritt sind seine persönliche Unabhängigkeit und Objektivität besonders gefragt. Und Sorgfalt sowieso. Verweise auf andere Situationen, „übliches“ Vorgehen, „gesunden Menschenverstand“ u. dgl. haben in den Hintergrund zu treten.

Pfannenstiels Stellungnahme umfasst 83 (!) Seiten. Das Inhaltsverzeichnis vermittelt zunächst eine gute Struktur, aber dann gerät das alles durcheinander. Der Leser verliert rasch den Faden. Schon die weitschweifige Zusammenfassung erstreckt sich über vier Seiten und ist voller Wiederholungen. Ärgerlich ist vor allem der professorale Ton, der erhobene Zeigefinger. Im weiteren Text finden sich umfängliche Ausführungen über die Wolfsbiologie, den gesetzlichen Schutzhintergrund oder Definitionen von ökologischen Begriffen – entbehrliche Dinge, die sich anderswo im Original nachlesen lassen. Das größte Ärgernis ist aber Pfannenstiels oberflächlicher Umgang mit Daten und Fakten. Da finden sich reihenweise pauschale Behauptungen ohne Quellenangaben, unkritisch aus Medien (besonders aus Jagdzeitschriften) übernommene Ansichten und Eindrücke. Wo er Quellen nennt, sind diese oft unpräzise („manche Wissenschaftler,“ oder „Wissenschaftler, die hier nicht alle genannt werden sollen“), besonders an Stellen, wo man gar zu gerne wüsste, was dieser oder jener wirklich gesagt oder gar erforscht hat. Zum Hauptproblem, dem Herdenschutz, hat Pfannenstiel so gut wie gar nichts anzubieten. Er schreibt nieder, was ihm zu Ohren gekommen ist. Jedes Kapitel beendet er mit „Schlussfolgerungen.“ Aber Pfannenstiel „folgert“ nichts, sondern wiederholt nur, was er vorher schon unkritisch zusammen getragen hat.

Seine Zusammenfassung beginnt Pfannenstiel mit dem Satz: „Die Diskussion über den Wolf in unserer Kulturlandschaft muss undogmatisch und offen geführt werden.“ Da hat er Recht, aber selber hält er sich nicht dran. Im Gegenteil, seine Stellungnahme ist ein Musterbeispiel für Dogmatismus. Und geprägt von Vorurteilen. Von sorgfältiger Recherche keine Rede. Schon gar nicht erfüllen seine Ausführungen einen wissenschaftlichen Anspruch, den man von einem Universitätsprofessor erwartet. Pfannenstiel hat zur Wolfsdiskussion im Lande nichts Neues beigetragen.

Wenn dem Verfasser dennoch ein Verdienst zukommt, dann dies: Er hat Dinge beim Namen genannt, die viele Leute beschäftigen. Viele seiner Ansichten halten einer kritischen Überprüfung nicht stand – aber egal: Er vertritt Positionen, die von anderen Menschen geteilt werden. Das Letzte, was uns nun weiterbringt, ist Rechthaberei. Pfannenstiels Stellungnahme liefert Steilvorlagen, die ich gerne auf WOLFSITE aufgreifen werde. Allerdings würde das den Umfang dieser Seite sprengen. Deshalb: nicht heute oder morgen. Ich bitte um ein bisschen Geduld.

Ulrich Wotschikowsky