Kulturlandschaft ist überall – eine Erwiderung auf Valerius Geist

Kulturlandschaft ist überall – eine Erwiderung auf Valerius Geist

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15.01.2015

Eine Erwiderung auf Valerius Geist, „Lassen sich Großraubtiere in bewohnter Kulturlandschaft halten?“ (Beiträge zur Jagd- und Wildforschung, Bd. 39 (2014).

Valerius Geists Position zur Erhaltung von großen Beutegreifern, insbesondere von Wölfen, wird von der Fachwelt nicht geteilt. Seine Vorschläge sind von persönlicher Betroffenheit geprägt und wirklichkeitsfremd. Mit einer rein fachlichen Auseinandersetzung lässt sich dieser Konflikt nicht erklären, zumal Geist keine neuen Erkenntnisse mitteilt.

Der emeritierte Professor für Wildbiologie, 76, entstammt einer deutschen Familie, ist in der Ukraine geboren und in Deutschland aufgewachsen. Er hat bei Konrad Lorenz studiert, bevor er nach Kanada ging. Dort wurde er zu einer Autorität in der Verhaltensökologie von Huftieren, insbesondere Bergschafen. Siebzehn Bücher tragen seinen Namen als Erst- oder Koautor. Valerius (Val) Geist hat „unter Huftieren“ – das ist freundlich gemeint – einen weltweit bekannten Namen.

Auf das Thema Große Beutegreifer ist Val Geist erst im Ruhestand gestoßen. Um seine Kompetenz in dieser Materie dennoch zu begründen, listet er vier Punkte auf: Seine Jahre als Verhaltensforscher in kanadischer Wildnis; zwanzig Jahre ländlichen Lebens auf Vancouver Island (wo Wölfe, Schwarzbären und „Silberlöwen“ – Pumas – vorkommen); seine Untersuchung des Todes von Kenton Carnegie; und schließlich die Überarbeitung und Veröffentlichung eines Buchmanuskripts von Will Graves, einem „langjährigen Mitglied des Amerikanischen Diplomatenkorps in Moskau“ (vergriffen). Als Ausweis von Sachkunde für das Thema Wolf in bewohnter Kulturlandschaft ist das eher dünn. Das Gericht, das den Fall Carnegie verhandelte, hat Val Geists Kompetenz in Sachen Wolf-Mensch im Übrigen bestritten und seine Untersuchung nicht akzeptiert, weil er keine eigenen Arbeiten zu Wölfen vorweisen kann. Dass der Student tatsächlich von Wölfen getötet wurde, gilt spätestens seit der Untersuchung von Mark E. McNay (2007) als sicher.

Abwegige Ansichten über Wölfe äußerte Val Geist bereits im April 2013 – anlässlich des ersten Wolfsnachweises in Dänemark – in einem Interview via Skype im dänischen Fernsehen. Wölfe würden, sprach er in die Kamera, erst das Rehwild aufreiben und dann mangels natürlicher Beutetiere die Verfolgung von Kindern und Behinderten (!) (children and the handicapped) aufnehmen. Leute, die nicht gut zu Fuß waren, sollten demnach die Wälder meiden. Anders war das nicht zu verstehen.

Anekdoten statt wissenschaftliche Fakten

In seinem Essay nun schildert Val Geist zunächst seine Eindrücke aus einem Gebiet, das einst voller Rentiere war und auch ein siebenköpfiges Wolfsrudel beherbergte. Heute, 50 (!) Jahre später, sei „das Land praktisch wildleer.“ Wegen der Wölfe? Das erklärt der Wildforscher nicht. Klar ist aber, was er sagen will: Wölfe räumen gründlich auf mit dem Wildbestand. So einfach ist das. Kaum vorstellbar, dass ihm die umfangreiche wissenschaftliche Literatur, die sich mit den großen Schwankungen der Karibu- und anderer Huftierpopulationen in Kanada und den Zusammenhängen mit Wölfen, Klima und Jagd befasst, nicht bekannt ist. Dann erzählt er, was sich alles in seiner Nachbarschaft auf Vancouver Island zugetragen hat, nachdem sich Wölfe angesiedelt hatten. Außer dem Schalenwild seien Singschwäne und Kanadagänse „schlagartig verschwunden“, den Milchkühen fehlten auf einmal Ohren oder Schwänze, die Schwarzwedelhirsche fielen in die Gärten ein oder betteten sich „eng an die Wände der Kuhställe“. Das Einstandsgebiet der Wölfe sei dagegen, wie der Schneefall bewiesen habe, „wildleer“ gewesen.

Das ist, mit Verlaub, eine ziemlich hanebüchene Litanei von höchst unwahrscheinlichen Ereignissen. In der soliden Wolfsliteratur sucht man vergleichbare Befunde vergebens. Man kann Wölfen zwar vieles in die Schuhe schieben. Und selbstverständlich sind manche Verhaltensweisen, die uns bei Beutetieren sonderbar vorkommen, als Reaktion auf Wölfe zu deuten. Vielleicht lassen sich Schwarzwedelhirsche, die auf Vancouver Island die Siedlungsnähe aufsuchen, vergleichen mit den Schwarzwedelhirschen und Wapitis, die sich mitten in Gardiner am Rand des Yellowstone Nationalparks aufhalten – ob sie es aber aus Angst vor Wölfen tun oder deshalb, weil sie dort nicht bejagt werden, ist eine offene Frage.

Von einem Verhaltensforscher hätte man erwartet, dass er seine Beobachtungen nüchtern und objektiv beschreibt und zu deuten versucht. Dazu fehlt Val Geist jedoch die notwendige Distanz. Seine Schilderungen lesen sich wie von einem empörten Wolfsgegner, nicht wie von einem kritischen Wissenschaftler. Das hat offenbar persönliche Gründe. Wölfe haben ein Forschungsprojekt gestört, das er an Wildschafen durchführte, und seine Frau hatte eine (oder mehrere) unangenehme Begegnungen mit aggressiven Wölfen. Seine persönliche Betroffenheit ist nachvollziehbar, aber sie entwertet seine Interpretation des Geschehens und macht eine fachliche Auseinandersetzung schwierig.

Menschenfreie Reservate – wo gibt es die?

So ist es auch mit seinem schlicht absurden Vorschlag, für große Beutegreifer „menschenfreie großräumige Reservate anzulegen.“ Wo soll es diese „menschenfreien“ Gebiete – an anderer Stelle spricht er von „Wildnisgebieten“ – in Europa noch geben? Welche Vorstellungen hat Val Geist vom Raumbedarf einer Beutegreiferpopulation? Welche hat er von Europa? Die einzige große Landschaft mit einem gewissen Wildnischarakter, an die man denken könnte, ist Lappland. Mitnichten „unbewohnt“ – dort leben mehrere tausend Samen, deren Kultur aufs Engste mit der Rentierwirtschaft verbunden ist und die wiederum in Gegenwart von großen Beutegreifern sehr schwierig, bei Wölfen gar unmöglich ist.

Geist unterlegt seine Meinung mit der Feststellung, ihm sei „kein Beispiel bekannt, wo sich Wölfe ungehindert in einer Kulturlandschaft über lange Zeiträume vermehren konnten und vom Menschen geduldet wurden.“ Genau das erleben wir in Europa seit etwa fünf Jahrzehnten! Spanien, Italien, Polen, Rumänien, das Baltikum – sind das etwa keine Kulturlandschaften? Leben Wölfe dort nur in der „Wildnis?“ Man kann einwenden, dass Wölfe in diesen Ländern nach wie vor verfolgt werden – aber die Regierungen haben sich zu ihrer Erhaltung entschlossen und auf demokratischen Wegen die notwendigen Gesetze erlassen!

Val Geist beschwört mit den Wölfen eine völlig irrationale Gefahr herauf. Bei ihrer Einordnung in ein Gesamtgeschehen geht ihm jeder Maßstab verloren. Dabei bestreitet kein vernünftiger Mensch, dass Wölfe dem Menschen gefährlich werden können, ja sogar Menschen töten, Jahr für Jahr (in Indien, im Irak) – aber ist das ein triftiger Grund, sie in ein Niemandsland zu verbannen, das es in der Welt von heute nicht mehr gibt? Wollen wir das dann auch mit anderen Arten machen – etwa mit Elchen und Elefanten? Mit Eis- und Grizzlybären, Löwen und Tigern? Mit Nilpferden, Krokodilen und natürlich dem Weißen Hai?

Was immer Valerius Geist mit seinem Diskussionsbeitrag im Sinn hatte: Für die Beutegreiferpolitik in Europa ist er nicht hilfreich. Seine Empfehlungen sind abwegig.

Ulrich Wotschikowsky