Die Hybriden-Obsession

Die Hybriden-Obsession

11

26.06.2016

Andreas Wilkens glaubt beweisen zu können, dass die beiden auf Wolfsite in einer Videosequenz gezeigten Wölfe in Wirklichkeit Hybriden sind. Der „Beweis“: Auf dem Film sei zu erkennen, dass die beiden Tiere nicht Tritt in Tritt setzen, also nicht im geschnürten Trab laufen. Als Zeugen führt er Prof. Eirik Grankvist an, der noch andere hunde- bzw. hybridentypische Merkmale erkannt haben will, diese aber nicht nennt.

Der Umkehrschluss: Echte Wölfe können nur im geschnürten Trab laufen. Wie bitte? Selbstverständlich sind alle ihre Gangarten, nicht nur der Trab, sehr variabel. Der geschnürte Trab über längere Strecken Wölfe ist allerdings typisch für Wölfe und deshalb ein wichtiges Kriterium im Monitoring. Das schließt aber keineswegs aus, dass sie nicht auch mal anders traben.

Handwerkszeug zur Unterscheidung von Hunde-, Wolfs- und Hybridentrittsiegeln.

Handwerkszeug zur Unterscheidung von Hunde-, Wolfs- und Hybridentrittsiegeln.

Das Lied von den Hybriden singt auch Sibylle Erbut vom niedersächsischen Jagdaufseherverband. Wilkens habe sehr gute Aufnahmen von Fotofallen, anhand derer man erkennen könne, dass die Wölfe in der Lüneburger Heide Hybriden seien. Seine Annahmen seien von den „namhaften Wolfswissenschaftlern“ Prof. Ken Sumanik, Kanada und USA, Prof. Eirik Granqvist, Finnland, und Prof. Valerius Geist, Kanada, bestätigt worden.

Unter Ken Sumanik habe ich im Internet nur eine Person in Vancouver gefunden, die im Gold- und Silberabbau beschäftigt ist. Einen Wolfswissenschaftler dieses Namens gibt es nach meinem Kenntnisstand nicht. Auch Eirik Grankvist ist kein Wolfswissenschaftler, sondern Präparator. Seinen Professorentitel hat er in China bekommen. Keiner der beiden ist mit einer wissenschaftlichen Publikation zu Wölfen hervorgetreten. Valerius Geist ist ebenfalls kein Wolfswissenschaftler, wurde von einem Gericht als Gutachter im Fall Kent Carnegie sogar abgelehnt, weil er keine wissenschaftliche Tätigkeit an Wölfen vorweisen konnte. Das gilt erst recht für Andreas Wilkens. Soweit ich weiß, hat er seine angeblich so aussagekräftigen Fotos dem Wolfsmonitoring in Niedersachsen niemals gezeigt.

Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass man sich gute Kenntnisse auch abseits einer Hochschullaufbahn erwerben kann. Aber was die Wolfsgegner an fachlicher Kompetenz anzubieten haben, kommt mir doch recht dürftig vor.

Eher schon halten sie es mit Science fiction. Da stellt Sibylle Erbut allen Ernstes die Frage, ob sich vielleicht in den letzten 16 Wolfsjahren „eine neue, morphologisch deutlich vom Phänotyp abweichende Population entwickelt“ habe. Evolution von Jahrhunderten, Jahrtausenden handlich zusammengeschrumpft auf ein paar Jahre, bloß weil sich jemand einbildet, er könne auf Grund des Augenscheins Wölfe von Hybriden unterscheiden?

In diesem Kreis ist auch Wernher Gerhards zu Hause. Ja genau – der Verfasser des unsäglichen „Gutachtens“ anlässlich des Unfalls bei Meißen mit neun toten Pferden und zwei verletzten Autofahrern, den er den Wölfen in die Schuhe schieben wollte. Er meint, die Trittsiegel von Wölfen, Hunden und sogar Hybriden auf Grund von „Erkenntnissen“ der Luparii, den Wolfsjägern Karls des Großen unterscheiden zu können. Solch ein „Spurengutachten“ finden Sie auf der Homepage des Jagdaufseherverbandes (Link siehe oben). Entscheidendes Merkmal sei dabei das „Karolus-Kreuz“, das man in den Pfotenabdruck hineinlegen könne. Die Quelle stammt aus dem Jahr 813 n.Chr.

In vergleichsweise moderner Zeit, vor ein paar hundert Jahren, hatten „hirschgerechte Jäger“ eine Schablone zur Hand, die sie in das Trittsiegel (den Hufabdruck im Boden) eines Hirsches legten. Damit meinten sie, die Endenzahl an seinem Geweih bestimmen zu können. Kurz vorher hatte die Welt noch geglaubt, die Erde sei eine Scheibe. uw