Bürgerwissenschaftler begegnen deutscher Obrigkeit

Bürgerwissenschaftler begegnen deutscher Obrigkeit

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27.12.2018

Zunächst die gute Nachricht: Das ist der Bericht von Biosphere Expeditions Deutschland über einen Einsatz von Bürgerwissenschaftlern in Niedersachsen im Jahr 2017. Die schlechte Nachricht ist der Umgang des Jagd-verbandes, der Grundeigentümer und sogar der Landesforstverwaltung mit dieser seit Jahrzehnten weltweit agierenden Naturschutzorganisation. Die ganze Geschichte ist hervorragend dokumentiert, aber so umfangreich, dass ich sie nicht in ein oder zwei kurzen Texten unterbringe. Dennoch meine ich, sie sagt viel aus darüber, wie offizielle Stellen und politische Mandatsträger mit dem Thema Wolf, überhaupt mit engagierten Bürgern und mit Naturschutzorganisationen umgehen, und auch darüber, mit welcher Anmaßung und Arroganz sie das vertreten, was sie als ihre „legitimen Interessen“ verstehen. Deshalb hat dieser Vorgang Aufmerksamkeit verdient.

Mir geriet der Bericht erst im September 2018 in die Hände. Das Lesen lohnt sich. Der Einsatz dieses im besten Sinne „bunten Haufens“ von Leuten aus zwölf (!) Ländern ist sorgfältig dokumentiert. Er straft alle Lügen, die schon vorher zu wissen glaubten, dass diese Aktion von Laien nichts bringen würde. Lesen Sie die kurze Zusammenfassung.

Fette Beute: Was die Teilnehmer so alles eingesammelt haben (Foto Kenner)

Peter Schütte, der die Aktion geleitet hat, erzählte mir von der Skepsis, ja offenen Ablehnung und den massiven Widerständen, denen sich die Bürgerwissenschaftler ausgesetzt sahen. Besonders hervorgetan hat sich dabei Niedersachsens Jägerpräsident Helmut Dammann-Tamke, der sich wiederholt in den Medien zu der Aktion äußerte. Da war die Rede von „Touristen, die schnell mal um die Ecke kommen für billige Naturerlebnisse,“ von einer Aktion „aus dem Irrenhaus“, keine Polemik war ihm billig genug, diese Leute zu diffamieren – die ihren Einsatz nicht nur mit Unterstützung des Wolfsbüros und örtlicher Wolfsberater vornahmen, sondern sich vorher einem zweitägigen Kurs unterzogen hatten, gerade mal einen halben Tag weniger als es das offizielle Programm für anerkannte Wolfsberater in Niedersachsen vorsieht. So massiv, so unterirdisch polemisch waren die Anwürfe, dass sich der Gründer und Leiter von Biosphere Expeditions Dr. Matthias Hammer zu einem offenen Schreiben veranlasst sah. Es gipfelt in dem Satz: „Nach zwei Jahrzehnten Naturschutzarbeit weltweit verstehe ich, dass wir nicht immer willkommen sind. Aber niemals habe ich Feindseligkeit, Aggressivität, Respektlosigkeit und schlicht schlampige Beschuldigungen und inakzeptable Drohungen der Art erlebt wie bei diesem Einsatz. Ich bin schockiert und verärgert darüber, und ich hoffe, dass wir zurückfinden zu respektvollen und anständigen Gesprächen und zu einer Kooperation“ (der Text ist in englischer Sprache, Übersetzung dieser Passage von mir).

Eine Antwort hat Dr. Hammer nicht erhalten. Vielleicht hat der Jägerpräsident den Brief gar nicht gelesen. Ich frage mich, mit welchem Eindruck die Teilnehmer in ihre Heimatländer zurückgereist sind. Solch eine geballte Ladung an Arroganz und Unfreundlichkeit sucht ihresgleichen. Herr Dammann-Tamke und seine Brüder im Geiste sollten sich schämen.

Biosphere Expeditions hat sich von der frostigen Haltung von Dammann-Tamke & Co. nicht entmutigen lassen, sondern das Unternehmen im Jahr 2018 in Niedersachsen wiederholt. Für 2019 ist ein weiterer Einsatz geplant. Die Landesforstverwaltung unterstützt inzwischen die Einsätz und hat selber Gebiete vorgeschlagen, wo „nachgeschaut“ werden sollte. Vielleich denkt man auch in der Landesjägerschaft darüber nach, Biosphere Expeditions freundlicher zu empfangen. Die Aktivisten haben es jedenfalls nicht verdient, sich für ihre Einsätze, die sie Geld und Freizeit kosten, auch noch beschimpfen und verunglimpfen lassen.

Ich wünsche allen Lesern von Wolfsite ein Gutes Neues Jahr – und dass Sie künftig freundlichere Nachrichten lesen können.

 

 

 

Neue Texte (anschließend):

AKTUELL Aus dem wissenschaftlichen Bericht 2017 von Biosphere Expeditions

AKTUELL Niedersachsens Jägerpräsident zum Fall Steinfeld

AKTUELL Schweden: Illegale Wolfsjagd nimmt zu

ISEGRIM Kauzig