Open House im Nationalpark

Open House im Nationalpark

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11.10.2017

In der Nacht zum Freitag, 06.10., sind bei Lindberg im Westteil des Nationalparks Bayerischer Wald sechs Wölfe aus einem großen Tierfreigelände entkommen. Die Gruppe im Gehege bestand aus neun unmittelbar miteinander verwandten Tieren. Das mehrfach gesicherte Gehegetor war gewaltsam geöffnet worden. Eine Unachtsamkeit des Parkpersonals kann ausgeschlossen werden. Bereits einen Tag später wurde einer der Wölfe auf der Bahnstrecke Zwiesel-Bayerisch Eisenstein vom Zug überfahren. Ein anderer Wolf ist jenseits der Landesgrenze auf tschechischem Terrain gesichtet worden. Inzwischen gibt es Beobachtungen und sogar Videoaufnahmen, einige davon aus mehreren Kilometern Entfernung vom Ausbruchsort. Ein Wolf soll einen Wanderer angeknurrt haben.

Einer der Flüchtlinge (Photo Peukner).

Einer der Flüchtlinge (Photo Peuker).

Die sofort eingeleiteten Versuche des Parkpersonals, die Wölfe mit Fallen einzufangen, wieder ins Gehege zu locken oder mit einem Narkosegeschoß zu betäuben, sind fehlgeschlagen. Inzwischen hält die Parkverwaltung die Chancen, die Wölfe einzufangen oder mit dem Narkosegewehr zu betäuben, für minimal. Deshalb wurde beschlossen, die Tiere zu schießen. Zwei Wölfe sind den Kugeln bereits erlegen.

Shitstorm in den sozialen Medien

Wie zu erwarten, bricht jetzt ein Sturm der Entrüstung über die Verantwortlichen herein. In den sozialen Medien ist die Rede von „schießwütigen Jägern,“ die jetzt „auf alles Dampf machen“ würden. Unzählige Leute melden sich zu Wort – mal mit unflätigen Beschimpfungen, mal mit neunmalklugen, mal mit gut gemeinten Ratschlägen, wie man der Wölfe habhaft werden könnte. Man solle die Feuerwehr einsetzen, Lappjagden organisieren, Hubschrauber losschicken, den Nationalpark mit Hundertschaften von Treibern durchkämmen, und so weiter und so weiter. Ein Verein von Wolfsschützern hat eine Petition gestartet, weil er meint, die Wölfe sollten unbedingt am Leben bzw. in Freiheit gelassen werden.

Vieles erinnert mich an den Ausbruch von Eric Zimens neun Wölfen im Jahr 1976, vor 41 Jahren, aus dem Gehege bei Neuschönau. Ich war damals im Nationalpark zuständig für das Wildmanagement (allerdings nicht für entflohene Gehegewölfe). Kein Mensch konnte sich seinerzeit vorstellen, dass es mal wieder frei lebende Wölfe in Deutschland geben würde. Alle neun Wölfe wurden erschossen, aber nicht von der Hundertschaft Bereitschaftspolizei, die der bayerische Innenminister Merk in den Bayerischen Wald geschickt hatte, sondern von Jägern – der letzte erst Monate nach dem Ausbruch und auf tschechischer Seite. Das war völlig legal, denn der Wolf hatte damals keinen Schutzstatus. Eine stark an Menschen gewöhnte Wölfin hatte vier Wochen nach dem Ausbruch einen vierjährigen Buben in den Hintern gebissen. Der „Bub“, inzwischen Mitte vierzig, hat die Geschichte erst am 09.10. im „Münchner Merkur“ erzählt.

Gemessen an dem Hype seinerzeit hält sich die Aufregung heute in Grenzen. Und es sind nicht die Medien, die das Ereignis ausschlachten und Aufregung, um nicht zu sagen Panik verbreiten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass manche Verbandspräsidenten und etliche Politiker, denen die ganze Richtung der Wolfspolitik nicht passt, schon in den Startklötzen knien, um eine kritische Situation in ihrem Sinne auszuschlachten. Wenn es denn dazu kommen sollte.

Ich rechne nicht damit, dass „etwas passiert“ – aber sollte es zu einem unguten Zwischenfall kommen, dann sind die Leute vom Nationalpark nicht zu beneiden.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert? Nach meiner Ansicht nahe Null. Die Wölfe sind zwar an Menschen gewöhnt, das heißt habituiert, weil sie Tag für Tag Gehegebesucher auf wenige Meter Entfernung vor sich hatten. Aber sie sind nicht futterkonditioniert, weil sie von Besuchern nicht gefüttert wurden und weil das Gehegepersonal die Tiere nicht aus der Hand gefüttert, sondern das Fleisch abseits im Gehege abgelegt hat. Die Gehegeflüchtlinge haben, glaube ich, weder eine positive noch eine negative, sondern eine ganz neutrale Einstellung zu Menschen. Sie sind vertrauter als wilde Wölfe, aber nicht zutraulich oder gar aufdringlich.

Ist es richtig, diese Wölfe nun, da sie sich offenbar nicht einfangen lassen, zu schießen? Ich meine ja. Wir wollen keine Wölfe in der freien Natur, die im Gehege aufgewachsen sind – Punkt. Auch wenn das Risiko extrem gering ist – solche Tiere sind anders zu beurteilen als in Freiheit lebende Wildtiere. Bei Gehegetieren hat der Mensch in die Entwicklung ihres Verhaltens eingegriffen und ist daher für die Konsequenzen verantwortlich. Wildtiere dagegen sind Naturereignisse und als das hinzunehmen, was sie sind: wilde Tiere.

Haben Jäger nun einen Freibrief, im Bayerischen Wald auf Wölfe zu schießen? Nein, mitnichten. Nur die dafür autorisierten Personen des Nationalparks dürfen das, sogar außerhalb der Parkgrenzen. Dafür haben sie eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung. Sie müssen ihrer Sache sicher sein, d. h. sie dürfen dabei keinen wilden Wolf schießen. Das ist schwierig genug – denn bekanntlich ist im Nationalpark ein frei lebendes Rudel zu Hause. Dessen Territorium ist allerdings, soweit man das sagen kann, weit genug entfernt von dem Gehege bei Lindberg. Man darf der Parkverwaltung getrost zutrauen, dass sie diese Umstände im Auge hat.

Man sollte ihr für die kommenden Tage eine glückliche Hand wünschen. Das jedenfalls tut

Ihr

Unterschrift UW 30