Ein Rudel stirbt aus

Ein Rudel stirbt aus

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15.02.2017

Über Jahrzehnte waren die Wölfe des East Fork Rudels in Alaskas Nationalpark Denali geradezu befreundet mit Forschern wie mit Touristen. Sie frequentierten den Eingangsbereich des Parks und die Straßen und waren die Stars auf tausenden Ferienfotos.

Seit den 1930er Jahren haben Wissenschaftler jedes Detail aus dem Leben dieses Rudels dokumentiert: ihr Jagdgebiet, ihre Paarungsrituale, sogar die Bestandteile ihrer Losung. Sie spürten die Verwandtschaftsbeziehungen durch Dutzende von Generationen auf, benannten sogar einzelne Wölfe mit Namen wie „Dandy“, „Großpapa“ oder „Räubermaske.“

Nun müssen die Forscher ein letztes Detail aus der langen Geschichte des Rudels hinzufügen: Wahrscheinlich sind die Tiere alle tot.

Tausende von Besuchern des Denali Nationalparks haben die Wölfe des East Fork Rudels beobachtet (Foto Uwe Anders)

Tausende von Besuchern des Denali Nationalparks haben die Wölfe des East Fork Rudels beobachtet (Foto Uwe Anders)

Der letzte Rüde mit Senderhalsband wurde im Mai nahe eines Jagdcamps totgeschossen aufgefunden. Seitdem konnte das Parkpersonal die drei letzten Rudelmitglieder nicht mehr ausfindig machen: eine senderlose Wölfin mit ihren zwei Welpen. Was mit ihnen geschehen ist, bleibt offen, aber es ist unwahrscheinlich, dass die beiden Welpen ohne das Rudel überlebt haben. Die Wurfhöhle ist leer und zugewachsen. Nach dem 28. Juni, als die Gruppe zum letzten Mal beobachtet wurde, haben Stachelschweine den Unterschlupf übernommen.

Es ist der jüngste fatale Fall in der kontroversen Wolfspolitik Alaskas, die es Jägern erlaubt, Wölfe und andere große Beutegreifer in den staatlichen Wildlife Refuges (Wildschutzgebieten) zu töten. Im Frühjahr schätzte das Parkpersonal die Anzahl der Wölfe im Park auf 49, gerade mal drei mehr als im Jahr 1986, dem Jahr mit der geringsten Wolfszahl. Ein drastischer Rückgang im Vergleich zu den frühen 2000er Jahren, als mehr als hundert gezählt wurden. Im Jahr 2015 berichteten nur 5% der Parkbesucher von einer Wolfsbeobachtung – 2010 waren es noch 45%.

Der Zusammenbruch des East Fork Rudels geschah schnell und drastisch. Noch 2013 war es mit neun Tieren eins der größten von neun kontrollierten Rudeln. Im Herbst 2014 waren es sogar 17 Tiere. Dann ging es bergab.

Viele Wölfe wurden geschossen – manche legal, andere illegal. Ein Wolf verendete in einer Schlinge. Andere verschwanden spurlos, wieder andere kamen durch natürliche Ursachen um. Aber es zeigt sich ein Muster: Etwa 75% der Todesursachen hängen mit Fallenfang und Jagd zusammen.

So waren im Mai nur noch die Fähe und zwei Welpen vorhanden. Und die sind nun ebenfalls verschwunden.

Das East Fork Rudel bildet den Gegenstand einer Geschichte von über siebzig Jahren wissenschaftlicher Beobachtung und Forschung. Ausgangspunkt war das Jahr 1939. Damals begann Adolph Murie, dem Rudel zwei Jahre lang zu folgen – zu Fuß, durch moskitogeschwängerte Sommer und bitterkalte Winter. 1944 veröffentlichte er seine Beobachtungen in dem Buch „The Wolves of Mount McKinley“.

Gibt es Hoffnung für die Wölfe von Denali?

Vor kurzem hat der U.S. Fish and Wildlife Service die Jagd auf Beutegreifer in Alaskas 16 Wildschutzgebieten gestoppt. Ausnahmen sind nur zugelassen, wenn dies „aus Gründen des Naturschutzes“ notwendig sein sollte. Das ist eine Konfrontation mit dem Alaska Board of Game, der die Einschränkungen der Beutegreiferjagd („Intensives Beutegreifer-Management“) seit langem bekämpft.

In den vergangenen Jahren hat der Board mehrere kontroverse Jagdmethoden auf Beutegreifer durchgesetzt, darunter den Abschuss von Bären und Wölfen vom Flugzeug und den Abschuss von Wölfen und ihrer Welpen an den Wurfhöhlen. Im 2010 löschte er eine Pufferzone an der Grenze des NP Denali, in der die Jagd auf Wölfe verboten war – unmittelbar an der Grenze des historischen Territoriums des East Fork Rudels. Die Pufferzone war gebildet worden, um Wölfe zu schützen, die das Gebiet des Parks verließen. Der letzte Rüde des East Fork Rudels wurde genau in einer solchen aufgegebenen Pufferzone geschossen.

„Man muss auch mal nein sagen können, wenn unser Auftrag untergraben wird,“ sagte dazu Dan Ashe, Direktor vom U.S. Wildlife Service. Die Regierung des Bundesstaates Alaska lehnt die Regelung des U.S. Wildlife Service energisch ab und meint, dies sei ein Eingriff in eine der lukrativsten Einkommensquellen (Jagd) und es führe zu einer Verringerung der Elch- und Karibupopulationen, die für die Eingeborenen wichtig seien. Im Jahr 2012 generierte Trophäenjagd 78 Mio Dollar und über 2.210 Arbeitsplätze in Alaska – laut einer Studie, die von Alaska Professional Hunters Association in Auftrag gegeben worden war.

„Dieses Land ist Euer Land,“ sagt Dan Ashe. „Es ist keine Farm, in der ein Schnitzelchen seiner Biodiversität gemanagt wird für das Vergnügen von Leuten, die sich selber Jäger nennen.“