Der Wolf in postfaktischen Zeiten – von Joachim Hagen, NDR

Der Wolf in postfaktischen Zeiten – von Joachim Hagen, NDR

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13.12.2016

Die Angst vor dem Wolf ist zurück. Neuester Anlass ist eine angebliche Wolfsattacke im niedersächsischen Landkreis Uelzen. 23 Damhirsche wurden getötet. Aber stimmt das eigentlich? Kann man solchen Meldungen in postfaktischen Zeiten noch trauen?

Klar, der Wolf ist schuld – wie immer. Angeblich soll sogar der Wolfsberater gesagt haben, dass die Spuren auf eine Wolfsattacke hindeuten. Also: kurzer Prozess. Der Wolf gehört erschossen. Eine Gefahr für rechtschaffende Damwild-Züchter. Deutschland ist kein Ort für Wölfe.

Kein Wort davon, dass der Zaun nicht tief genug war und sich die Angreifer unter dem Zaun durchgraben konnten. Die 23 Hirsche konnten noch nicht mal fliehen – wegen des Zauns. Eine unwiderstehliche Gelegenheit für jedes Raubtier. Aber davon kein Wort.

Dafür schafft es eine Meldung wie die von der angeblichen Wolfsattacke bei Uelzen leicht in die vielen Echoräume der sozialen Netzwerke. Sie füttert die alten Ängste: Fremde dringen nach Deutschland ein; nachtaktiv; vermehren sich unkontrolliert; können sich nicht anpassen; sind eine Gefahr für Einheimische.

Das Werk eines mazedonischen Trolls?

Aber Vorsicht! Spätestens seit dem Pistenbully im schleswig-holsteinischen Seefeld ist nichts mehr sicher. Ganz Deutschland fiel damals auf die Werbeaktion eines österreichischen Skiortes rein. Und seit dem Sieg Donald Trumps in den Vereinigten Staaten wissen wir, wozu Internet-Trolle fähig sind. Sie produzieren Meldungen nur für uns. Geschichten, die unsere Ängste befeuern, unsere Feinde entblößen, unsere Laster entschuldigen. Wer sagt uns, dass die 23 toten Damhirsche nicht von einem Internet-Troll in Mazedonien erfunden wurden? Der Chef des Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl, wird nicht müde, vor sogenannten Störversuchen aus dem Ausland zu warnen. Vor allem vor der Bundestagswahl im kommenden Herbst sei die Gefahr groß.

Die magische Zahl 23

Aber wieso? Warum sollte uns ein mazedonischer Troll mit einer Geschichte über eine angebliche Wolfsattacke bei Uelzen erschrecken wollen? Bei solchen Fragen hilft manchmal ein Blick ins Internet. Wussten Sie, dass Mann und Frau bei der Zeugung eines Kindes 23 Chromosomen weitergeben? Dass das lateinische Alphabet im alten Rom 23 Buchstaben hatte? Und dass der schwedische Ministerpräsident Olaf Palme um 23.23 Uhr ermordet wurde? Na, klingelt da was bei Ihnen?

Wenn Frauke Petry Kanzlerin wird …

Vielleicht gibt es ja gar keinen Zusammenhang. Und man muss auch nicht gleich die ganz große Verschwörungskeule rausholen. Aber wenn Ende des kommenden Jahres Frauke Petry ins Berliner Kanzleramt einzieht, dann werden wir uns möglicherweise daran erinnern, dass alles mit einer angeblichen Wolfsattacke bei Uelzen angefangen hat.

(Anmerkung: Den Übergriff bei Uelzen mit 23 getöteten Damhirschen hat es tatsächlich gegeben. uw)