Der Wolf im Umweltausschuss des Bundestages

Der Wolf im Umweltausschuss des Bundestages

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15.05.2018

Am 18.04.2018 hatte der Umweltausschuss des Bundestages das Thema Wolf auf der Tagesordnung. Neun Sachverständige waren geladen, den Vorsitz führte Michael Thewes (SPD). Jeder Sachverständige hatte zunächst drei Minuten Redezeit für ein Eingangsstatement. Danach standen jeder Fraktion fünf Minuten für Fragen zur Verfügung. Die Besprechung dauerte etwa zwei Stunden. Sie kann im Internet unter diesem Link nachverfolgt werden. Ich gebe hier meinen subjektiven Eindruck wieder, gehe aber nicht auf alle Gesprächspunkte ein.

Überraschend ist zunächst die Uneinigkeit im Lager der Nutzerverbände. Eberhard Hartelt vom Deutschen Bauernverband bemüht sich, die Anzahl der Wölfe in Deutschland auf über 1.000 zu Jahresbeginn 2018 hochzureden und Eingriffsmöglichkeiten zu fordern. Unterstützt wird er von Helmut Dammann-Tamke (Deutscher Jagdverband), der seine Redezeit hauptsächlich auf die Harzer Luchse verwendet. Er stellt fest, dass alle acht Kriterien für einen „günstigen Erhaltungszustand“ der Wolfspopulation erfüllt seien. Das ist das Credo der Wolfsgegner seit langem, aber die Naturschutzkommission der EU und auch die Bundesregierung sehen das anders.

Die Vertreter der Schafhalter wollen dagegen von Obergrenzen, Eingriffsmöglichkeiten, Wolf ins Jagdrecht etc. nichts wissen. Frank Hahnel von der AG Herdenschutzhunde macht nachdrücklich klar, dass ihnen das alles in ihrer prekären wirtschaftlichen Lage nicht weiterhilft, und Andreas Schenk vom Bundesverband der Berufsschäfer springt ihm bei. „Die Schafhalter,“ sagt er, „kämpfen schon lange gegen das Ertrinken, jetzt ist ihnen der Wolf noch auf den Kopf gesprungen. Der Bund hätte den Rettungsring griffbereit – mit der Weidetierprämie!“ (siehe Fakt 1). Auf wiederholtes Nachfragen aus den Fraktionen wird deutlich, dass die Schafhalter von eingriffsorientierten populistischen Vorstellungen, wie sie gegenwärtig kursieren, nicht überzeugt sind. In dem Bemühen, bei den Fraktionen dennoch für die Positionen des Jagdverbandes Punkte zu sammeln, fällt Dammann-Tamke nichts Besseres ein, als Wölfe mit Wildschweinen zu vergleichen und die Vision an die Wand zu malen, Wölfe würden bald wie diese den Alexanderplatz in Berlin bevölkern. Das neue Positionspapier des DJV erwähnt er mit keinem Wort. Auch von Prof. Dr. Wolfgang Köck (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung), der recht umständlich die Rechtslage erläutert, bekommt der DJV-Vizepräsident keine Unterstützung. Auf die Frage aus den Fraktionen, welchen Sinn es mache, den Wolf ins Jagdrecht zu übernehmen und gleichzeitig ganzjährig zu schonen, schweift Dammann-Tamke weit aus, kommt aber nicht auf den Punkt. Der ist eher im DJV-Positionspapier zu finden und heißt: Man will Wölfe schießen.

Ein heißes Eisen ist die genetische Verfassung der Wölfe, und da ist Dr. Nicole von Wurmb-Schwark (ForGen) gefragt. Denn das Hamburger Institut hat mit fragwürdigen Aussagen eine heftige Diskussion über Hybriden und gleich auch über die Vertrauenswürdigkeit des Instituts Senckenberg (Gelnhausen) losgetreten, das mit den genetischen Analysen „unserer“ Wölfe beauftragt ist. Die Leiterin von ForGen behauptet zunächst, dass mit der Zunahme der Wolfspopulation auch die Verpaarungen mit Hunden häufiger würden, dass „immer häufiger“ Hunde als Verursacher von Rissen festgestellt würden (siehe Fakt 2), und dass eine Identifikation von Wolfs-Hund-Mischlingen anhand der Mitochondrien-DNA (mtDNA) nicht möglich sei. Tut das jemand? Tatsächlich ist dieser Verdacht erst vor kurzem von Wolfsgegnern in marktschreierischer Manier erhoben worden. Aber nicht Frau Dr. von Wurmb-Schwark, sondern Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Forschungsinstitut LUPUS rückt das zurecht. Senckenberg betrachte für den Nachweis von Mischlingen das gesamte Genom, nicht aber die mtDNA. Ein paar Minuten später muss sich die ForGen-Dame nochmal von Frau Reinhardt korrigieren lassen. Da geht es um die Frage, ob die Herkunft zuwandernder Wölfe genetisch geklärt werden kann. Frau Dr. von Wurmb-Schwark erklärt, das sei anhand der mtDNA bei Rüden nicht möglich, weil die mtDNA nur über die Mutterlinie vererbt werde. „Aber das wird ja auch gar nicht anhand der mtDNA gemacht,“ klärt Reinhardt die Zuhörer auf, „sondern anhand der Haplotypen, und zwar für beide Geschlechter!“ Erklärungen, die man eigentlich von ForGen erwartet hätte. Frau Dr. von Wurmb-Schwark sagt dann nichts mehr und wirkt ziemlich angefressen.

Woher beim Thema Genetik der Wind weht, wird spätestens beim Auftritt von Dr. Wernher Gerhards vom Verein Artenschutz und Sicherheit klar (siehe Fakt 3). Schlankweg behauptet er, seit 2008 bzw. 2010 sei das Vorkommen von Mischlingen in Sachsen „bekannt.“ Dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) hält er vor, mit den offiziell angegebenen Wolfszahlen werde man „mit dem Faktor 5 amtlich falsch informiert.“ In der Folge wirft Gerhards „Wölfe“ und „erwachsene Wölfe“ munter durcheinander und man erkennt, dass er die Zahlen des BfN entweder nicht versteht oder bewusst falsch verstehen will.

Dr. Gerhards hat aber noch ganz andere Schoten auf Lager. Michael Stubbe habe „bewiesen“, dass eine Wildtierschätzung mit einer 53%igen „Schattenquote“ behaftet sei, und die gelte für alle Wildarten. Überhaupt gebe es in Deutschland gar keine echten Wölfe, er jedenfalls habe „noch keinen gesehen.“ Mischlinge seien gefährlicher für Menschen als Wölfe. Sowas muss sich die Runde von einem als „Sachverständigen“ geladenen anhören.

Sehen Mischlinge so aus? Foto Lupovision/Sebastian Koerner

Sehen Mischlinge so aus? Foto Lupovision/Sebastian Koerner

Gerhards ist damit aber noch nicht fertig, sondern gibt auch einen Katalog von sechs „Empfehlungen“ zum Besten, wie mit den Wölfen (oder Hybriden) umgegangen werden sollte: (1) Wolf sofort bundesweit ins Jagdrecht, (2) das Wolfsmonitoring den Landkreisen übertragen, (3) jedes Rudel, das Weidetiere angreift, töten – bevor es zu Verlusten kommt, (4) das gesamte Rudel töten, nicht nur einzelne Wölfe (bei 3 und 4 ist sein Beitrag akustisch schwer verständlich), (5) eine Zonierung für Wölfe wie beim Rotwild – und schließlich (6) große Treibjagden durchführen, bei denen die Wölfe (oder was man dafür hält) nicht geschossen, sondern nur erschreckt werden.

Die Ansichten des Wissenschaftsjournalisten W. G. sind derart skurril, dass niemand dazu Fragen stellt. Auch nicht die naheliegende, welche Qualifikation er vorweisen kann, um als „Sachverständiger“ geladen zu werden. Dies hat allerdings eher mit dem Demokratieverständnis zu tun: Jeder Verband oder Verein, der von Wölfen irgendwie betroffen ist, soll zu Gehör kommen. Reden darf er dann, was er will. uw

Fakten zu „Wolf im Umweltausschuss“              

Fakt 1 Was ist die Weidetierprämie?

Dazu der Bundesverband Berufsschäfer: „In ganz Europa ist der Schaf- und Ziegensektor auf Grund mangelnder Wirtschaftlichkeit gefährdet. Gleichzeitig ist er aber in einigen Gegenden Europas die einzige Möglichkeit, viele Flächen zu nutzen und damit fast die Haupteinnahmequelle der Menschen dort. Wegen ihrer besonderen Bedeutung wäre es dramatisch, wenn die Schaf- und Ziegenhaltung zusammenbrechen würde. Deshalb hat die EU ein Förderinstrument zur Erhaltung bedrohter Sektoren geschaffen, sofern sie eine besondere  soziale, wirtschaftliche oder ökologische Bedeutung haben. Das war der ausdrückliche Wunsch aller Mitgliedsstaaten – außer Deutschland. Deshalb wird dieses einfache und wirksame Instrument ausschließlich in Deutschland nicht eingesetzt.“

Fakt 2 Wolf-Hund-Mischlinge:

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Wölfe mit Hunden paaren, steigt nicht mit der Zunahme der Wölfe – im Gegenteil. Viele Wölfe heißt, dass Einzelwölfe gute Chancen haben, einen wölfischen Geschlechtspartner zu finden. Zu Mischlingen kommt es daher in erster Linie an (oder weit vor) der Ausbreitungsfront, wo sich Einzelwölfe einfinden, aber noch kein wölfischer Partner zugegen ist (die Fälle Neustadt, Sachsen 2003 und Ohrdruf, Thüringen 2017 sind aufschlussreiche Beispiele), oder dort, wo es wenige Wölfe, aber sehr viele freilaufende Hunde gibt – wie in Italien in den 1970er Jahren mit nur rund 100 Wölfen, aber geschätzt einer Million Hunden).

Die Riss-Statistiken der Länder zeigen keine Zunahme von Rissen, die Hunden zugeordnet werden.

Fakt 3 Verein Sicherheit und Artenschutz:

Seit seiner Gründung vor etwa 15 Jahren in Sachsen hat der Verein durch extreme Ansichten zur Rückkehr der Wölfe von sich reden gemacht. U. a. hat er stets behauptet, die Wölfe seien ausgesetzt. Dr. Gerhards ist der Verfasser eines abstrusen „Gutachtens“, geschrieben im Stil eines mittelalterlichen Hexenurteils und voller Polemik gegen Behörden, in dem er zu beweisen vorgibt, neun Pferde hätten bei Meißen einen folgenschweren Unfall verursacht, weil sie von Wölfen auf die Straße getrieben worden seien. Gerhards hat ein Merkblatt verfasst mit einer Anleitung, wie man die Trittsiegel von Wölfen, Hunden und Mischlingen unterscheiden könne – mit einer Grafik aus der Zeit Karls des Großen.

Anhand  dieser tausend Jahre alten Kizze meint Dr. Gerhards, die Trittsiegel von Wölfen, Hunden und Mischlingen unterscheiden zu können.

Anhand dieser tausend Jahre alten Skizze meint Dr. Gerhards, die Trittsiegel von Wolf, Hund und Mischling unterscheiden zu können.

Fakt 4: Wolfszahlen

Leider haben weder das Bundesamt für Naturschutz (BfN) noch die ihm angeschlossene Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes – Wolf (DBB-Wolf) eine glückliche Hand bei der Kommunikation der Monitoringergebnisse. Das Monitoring stützt sich auf die Bestätigung von Rudeln und territorialen Paaren. Werden darüber hinaus ortsfeste Einzelwölfe bestätigt (als ortsfest gilt: sechs Monate in einem festen Gebiet nachgewiesen), so werden sie ebenfalls angegeben. Darüber hinaus ist die Anzahl nicht verpaarter, noch auf Revier- bzw. Partnersuche befindlicher Einzelwölfe nicht feststellbar, deshalb wird eine Zahl nicht mitgeteilt, auch nicht angeschätzt. Eine Erklärung könnte die ständigen Zweifel an den Zahlen beseitigen, zumal – wie die Erfahrung zeigt – der Hinweis des BfN bzw. der DBB-Wolf, dass es sich um erwachsene Tiere handelt, entweder übersehen oder nicht richtig interpretiert wird. Auf WOLFSITE habe ich mehrmals darauf hingewiesen.

Nach meiner eigenen Faustregel kommt man zu einem plausiblen Näherungswert für die Zahl der erwachsenen Wölfe, wenn man die Zahl der bestätigten Rudel (nur diese!) mit dem Faktor 3 multipliziert. Multipliziert man die Zahl der Rudel mit 9, so erhält man die Zahl aller Wölfe.