Wie schnell wächst unsere Wolfspopulation?

Wie schnell wächst unsere Wolfspopulation?

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05.04.2015

Auf einer Jagdversammlung verkündete ein Wildbiologe (jedenfalls hat er sich so vorgestellt), die deutsche Wolfspopulation nehme mit einer jährlichen Zuwachsrate von 40 – 50% zu. Die Interessengemeinschaft Sichere Weidewirtschaft (ISW) redet heute schon von 45 Rudeln und meint, dass sich die Wölfe in zehn Jahren auf 6 – 8.000 Tiere vermehren werden (das entspricht 667 – 890 Rudeln). Es gibt sogar Leute, die behaupten allen Ernstes, eine Wolfspopulation könne sich in einem Jahr verdoppeln. Von einer „unkontrollierten“ Vermehrung der Wölfe ist ohnehin schon lange die Rede.

Was also kommt da auf uns zu? Wolfsite versucht, ein bisschen Licht in dieses Dunkel zu bringen.

Anhand von Feldstudien an frei lebenden Wölfen lässt sich zeigen, dass eine Wolfspopulation pro Jahr mit etwa 30% bzw. dem Faktor 1.3 zunimmt. Aus zehn Wölfen werden dreizehn, aus 100 Rudeln werden 130 Rudel. Voraussetzung: Es ist genügend unbesetzter Lebensraum vorhanden und unnatürliche Mortalitätsfaktoren, z.B. Straßenverkehr oder illegale Bejagung, spielen nur eine geringe Rolle. Zu- und Abwanderung sollen sich bei diesen Überlegungen ausgleichen.

Um den Populationsverlauf abzuschätzen, kann man rechnerisch nicht bei Null anfangen. Beginnen wir deshalb im Jahr 2008, als fünf Rudel nachgewiesen waren, und unterstellen wir, dass wir derzeit 30 Rudel haben. Wie hätte sich die Population rein rechnerisch (!) bei einem Zuwachsfaktor von 1.3 entwickeln müssen? Das zeigt die Säule „gelb“ in Abbildung 1. Der Verlauf passt recht gut zum tatsächlichen Verlauf der Population (rot), wie sie vom Monitoring ermittelt wurde. Aber auch der Verlauf mit dem Faktor 1.35 (grün) hat bis vor einem Jahr gut gepasst. Nun fehlen allerdings elf Rudel zum „Soll.“ Darin zeigt sich das Problem mit kleinen Zahlen. Der Zeitraum von sieben Jahren ist noch zu kurz für seriöse Schätzungen.

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Abb.1 Der gelbe Verlauf mit dem Zuwachsfaktor 1.3 beschreibt das tatsächliche Populationswachstum (rot gerandet) am besten.

Beim Zuwachsfaktor 1.4 müssten wir heute bei etwa 53 Rudeln sein. Rechnungen mit noch größeren Faktoren ersparen wir uns.

Unsere Wölfe nehmen also derzeit pro Jahr ungefähr – das muss man immer betonen – mit dem Faktor 1.3 zu. Im Fokus stehen dabei die Rudel, weil man Einzelwölfe nicht zählen kann. Wenn wir die Zahl der Rudel mit dem Faktor 9 multiplizieren, erhalten wir – wiederum ungefähr – die Gesamtzahl der Wölfe.

Wenn das so weitergeht – dann werden wir (Faktor 1.3 vorausgesetzt) bereits in zehn Jahren mehr als 400 Rudel in Deutschland haben (Abbildung 2). Das ist die Größenordnung, die ein Habitatmodell des Bundesamtes für Naturschutz für möglich hält, nämlich 440 Rudel. Dann wären alle tauglichen Lebensräume von Wolfsrudeln besetzt.

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Abb. 2 Wächst die Population mit dem Faktor 1.3 ungebremst weiter, so erreicht sie in zehn Jahren etwa 440 Rudel.

Graue Theorie

Aber „Grau, mein Freund, ist alle Theorie!“ In der Tat – das alles ist lediglich theoretisches Zahlenwerk. Es beschreibt die Anfangsphase einer Populationsentwicklung, aber nicht mehr. Keine Population wächst in den Himmel, auch wenn das anfangs so aussehen mag.

Die Wachstumskurve steigt anfangs steil (exponentiell) an, erreicht aber einen Wendepunkt, flacht ab und pendelt sich an der Kapazitätsgrenze des Lebensraums in. Das gilt für alle Tierarten und natürlich auch für Wölfe. Das Modell dieser Kurve, stark vereinfacht, zeigt Abbildung 3. Wo der Wendepunkt liegt, weiß niemand. Und ob die Kapazitätsgrenze bei 440 Rudeln liegt (markiert durch die rote Linie), wie es das Habitatmodell des BfA annimmt, ist ebenfalls nicht sicher.

Abb. 3.  Keine Population wächst in den Himmel. Nach einem steilen Anstieg wendet die Kurve und pendelt sich an der Kapazitätsgrenze des Lebenraums ein

Abb. 3. Keine Population wächst in den Himmel. Nach einem steilen Anstieg wendet die Kurve und pendelt sich an der Kapazitätsgrenze des Lebenraums ein

Warum kommt es zu einem Wendepunkt und zu einer Abflachung der Kurve? Weil die Tiere – egal welche – zunehmend größeren Verlusten ausgesetzt sind. Das beginnt schon bei der Geburtenrate, setzt sich über die Überlebensrate der Welpen fort und trifft auch die abwandernden Jungwölfe, die immer weniger wolfsfreie Gebiete vorfinden. Die Konkurrenz um Resourcen (Nahrung, aber auch gute Plätze zur Welpenaufzucht) steigt, Verkehrsverluste nehmen zu. Die Population wächst zwar weiter, aber das Wachstum verlangsamt sich und hört schließlich auf, wenn die Lebensräume besetzt sind. Dort halten sich Geburten und Verluste die Waage.

Da wir nicht wissen, wo der Wendepunkt der Kurve liegt, können wir auch nicht abschätzen, wie lange es dauern wird, bis eine bestimmte Zahl von Rudel erreicht wird. Er kann höher, aber auch niedriger liegen wie in der Abbildung dargestellt ist.

Fazit: Die Wolfspopulation in Deutschland wächst derzeit mit dem Faktor 1.3, vielleicht 1.35 – aber nicht mehr. Seriöse Schätzungen, wann wie viele Wölfe in Deutschland leben werden, sind nicht möglich. Es sind bestenfalls Spekulationen.