Unfähige Jäger, untätige Jagdbehörden

Unfähige Jäger, untätige Jagdbehörden

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13.11.2016.

(Foto C. Schenck).

(Foto C. Schenck).

Bei Lodenau in Sachsen konnte man bis vor kurzem (vielleicht immer noch) ein total verwüstetes Maisfeld in der Größe von dreißig Fußballfeldern besichtigen. Den Schaden hat ein etwa zweihundertköpfiges Rotwildrudel angerichtet. Vor zwei Jahren sollen es gar drei solcher Großrudel gewesen sein, die über Mais und Raps herfielen. Die Höhe des Schadens steht noch nicht fest, im Vorjahr waren es etwa 50.000 Euro, die Rechnung ist noch offen. Die Wildschäden, heißt es weiter, seien „trotz geringerer Wildbestände gestiegen.“ Wie hoch waren diese Wildbestände wohl vorher?

Bei Klitten, ebenfalls Sachsen, ist für eine Fläche von 2.500 ha eine Wildschadensrechnung von 180.000 Euro aufgelaufen. In Worten: einhundertachtzigtausend Euro. Hier waren es Wildschweine, die in „Großrotten“ einfielen.

180.000 Euro auf 2.500 ha – das sind 72 Euro Schaden pro Hektar. Die Einnahmen aus der Jagdpacht dürften bei 5 – 8 Euro liegen. Der Jagdpachtvertrag enthält eine Wildschadenspauschale – zum Glück für die Jäger, die damit gut wegkommen. Aber zum Unglück der Agrargenossen. Die werden auf dem größten Teil der Schäden sitzen bleiben.

Das ist alles einem Artikel von Reinhard Schneider in der Novembernummer der Zeitschrift Unsere Jagd unter dem Titel „Eine offene Rechnung“ zu entnehmen. Wer ist schuld an dem Desaster? Nicht etwa säumige Jäger, die den Wildbestand nicht in den Griff bekommen, wozu sie laut Jagdgesetz verpflichtet wären. Sondern Wölfe. Denn Hirsche und Sauen, so heißt es bei Schneider, rotten sich „unter der Dauerbelagerung“ zu „Angstrudeln“ bzw. „Angstrotten“ zusammen und zertrampeln die Felder.

Von Hirschen unter Dauerbelagerung zertrampeltes Maisfeld (Foto Schneider/Unsere Jagd).

Von Hirschen unter Dauerbelagerung zertrampeltes Maisfeld (Foto Schneider/Unsere Jagd).

Wo und warum sich Rotwild und Schwarzwild zu solch exorbitanten Beständen entwickeln konnten – dazu verliert Schneider kein Wort. Auch nicht zur Rolle der Jagdbehörden, die dazu da sind, die Einhaltung der Jagdgesetze zu kontrollieren, bedenklichen Entwicklungen gegenzusteuern und Verstöße zu ahnden. Wölfe kommen als Ausrede für das laxe Verhalten gerade recht. Sie kommen auch dann gerade recht, wenn manche Jäger ihre Abschusspläne nicht erfüllen – sie hätten dann, so heißt es gleich, den Wildbestand über Gebühr reduziert.

In seinem Artikel erwähnt Schneider auch das Annaburger Rudel im Dreiländereck Sachen/Sachsen-Anhalt/Brandenburg. Dort sehe man neuerdings Großrudel von hundert Stück Kahlwild und mehr (Kahlwild – das sind Hirschkühe und Kälber, nicht die Geweihe tragenden Hirsche). Das hat bereits zu einer Kontroverse zwischen dem Brandenburgischen Jagdverband und dem Ministerium in Potsdam geführt. Auch in Annaburg sind nicht die Jäger oder die untätigen Jagdbehörden schuld, sondern die Wölfe. Die CDU-Abgeordneten Detlef Radke und Guido Heuer im Land der „Frühaufsteher“ Sachsen-Anhalt (Werbeslogan) sind bereits auf diesen Zug aufgesprungen. Sie fordern „wegen der Wölfe“ Entschädigungszahlungen an die betroffenen Agrargenossenschaften. Und Siegfried Holzinger, Sprecher der Jägerschaft Stendal, weiß auch, wie man dem Problem beikommen könnte: Durch den Abschuss von Wölfen.

Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, das verrät er uns nicht. Auch Reinhard Schneider nicht.

Unterschrift UW 30