Über die fachgerechte Betreuung von Wölfen. Von Harald Martenstein

Über die fachgerechte Betreuung von Wölfen. Von Harald Martenstein

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Harald Martenstein im ZEIT MAGAZIN Nr. 4/2016

Martenstein

Ich finde es gut, dass es in Deutschland wieder Wölfe gibt. Warum finde ich das gut? Darüber muss ich nachdenken. Es ist erst mal nur ein Gefühl. Ich habe noch nie im Wald einen Wolf getroffen. Vermutlich wird dies auch niemals passieren, ich hoffe es jedenfalls. Aber der Wolf gehört zur Natur halt dazu, auch wenn die sieben Geißlein vermutlich anderer Ansicht sind.

Auf der Suche nach Informationen über wölfisches Leben in Deutschland stieß ich im Mai 2015 auf einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In Deutschland leben zurzeit 300 Wölfe, und um diese kleine Schar herum hat sich eine staatlich geförderte Bürokratie entwickelt, für die in der Zeitung das in diesem Zusammenhang etwas befremdliche Wort „Willkommenskultur“ verwendet wurde. Es gibt Wolfsbetreuer, Rissgutachter, die vom Wolf erlegte Tiere begutachten, Sachverständigenräte, Förderrichtlinien, Runde Tische, Wolf-Zentren, Entschädigungspläne für Landwirte, deren Nutzvieh in Wolfsmägen gelandet ist, es gibt ein „Lupus-Institut“, und der Bundestag hat bereits mehrfach über die 300 Wölfe beraten. Auf jeden einzelnen Wolf dürften etliche haupt- oder ehrenamtliche Betreuer entfallen. Wenn zum Beispiel in Schleswig-Holstein ein totes Reh liegt, bei dessen Tod Fremdeinwirkung nicht auszuschließen ist, kommt einer der 38 schleswig-holsteinischen Wolfsbetreuer, registriert den Vorfall und entnimmt eine DNA-Probe. Ist ein Wolf als Verursacher identifiziert, wird als nächste Instanz der Koordinator der Wolfsbetreuung eingeschaltet. Dieser Mann – die Wolfsbetreuung scheint immer noch männlich dominiert zu sein – sucht dann zum Beispiel nach Wolfskot, auf diese Weise werden Erkenntnisse gewonnen. Das  immer ausgefeiltere Wolfsmanagement und Wolfsmonitoring kann allerdings bis heute nicht verhindern, dass Wölfe andere Lebewesen fressen. Der Unterschied zwischen einem als Beute erlaubten Wildtier und dem streng verbotenen Nutztier eines Landwirts scheint den geistigen Horizont der Wölfe zu übersteigen. Sie halten nichts von Nachhaltigkeit, von Mäßigung halten sie erst recht nichts. Bei Kiel hat ein einziger Wolf 52 Schafe gerissen. Nachrichten über Angriffe auf Menschen werden von den Behörden stets dementiert. Als eine Joggerin aus Vorpommern erzählte, dass sie vor einem zu allem entschlossenen Wolf auf einen Hochsitz flüchten musste, hieß es zuerst, die Frau lüge. Aber laut dem Zeitungsbericht ist wohl doch etwas dran gewesen.

Das Hauptproblem besteht darin, dass viele Menschen es zu gut mit den Wölfen meinen. Sie füttern die Wölfe. Dadurch verlieren diese ihre Angst vor den Menschen. Wenn ein Wolf denkt: „Das hier ist harmlos“, dann kommt ihm als Nächstes die Frage in den Kopf: „Wie es wohl schmeckt?“ Es wäre für beide Seiten besser, wenn der Wolf Angst hätte. Aber zu einem angsteinflößenden Verhalten sind nicht alle Mitbürger in der Lage, viele sind damit überfordert, sogar wenn es im Sinn des Tierschutzes ist. Man wird nicht darum herumkommen, das Personaltableau des Wolfsmanagements um den staatlich subventionierten Angstmacher zu erweitern, permanent aggressive Leute, die in den Wäldern umherstreifen und jeden Wolf, der sich zeigt, mit Steinen bewerfen, oder mit Wolfskot, vielleicht reicht auch Anbrüllen. Diese Menschen wären mit ihrer speziellen Qualifikation in andere Jobs sowieso schwer vermittelbar. Aber im Gesamtgebäude der Natur hat eben alles seinen Sinn, sogar das sogenannte Böse. Vielleicht bin ich deshalb für die Wiederansiedlung des Wolfes.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels. Im ZEITMAGAZIN schreibt er allwöchentlich eine Kolumne.

 

Lieber Herr Martenstein,

Ihre Kolumne über die Wolfsbetreuung ist ein großes Lesevergnügen. Gestatten Sie mir trotzdem ein paar Anmerkungen. Manchmal sind Kleinigkeiten ganz gut für das Verständnis dessen, was wir unter „Wolfsmanagement“ verstehen.

Wotsch k

Sie „hoffen“, niemals einem Wolf zu begegnen. Da enttäuschen Sie mich. Haben Sie etwa Angst? Sie sind doch keins der sieben Geißlein! Stellen Sie sich mal vor – 12.000 Wölfe gibt es in Europa, und nichts passiert! Wie wollen Sie das denn anstellen, dass sie von einem Wolf gebissen werden?

„Nachrichten über Angriffe auf Menschen,“ schreiben Sie, „werden von den Behörden stets dementiert.“ Nein, Herr Martenstein, da gibt es nichts zu „dementieren“: Es gibt einfach keine! Wahr ist allerdings, dass sich viele Menschen vor Wölfen fürchten und sich selber gleich in Gefahr sehen, wenn ihnen ein Wolf begegnet. Diese Angst vor dem Wolf ist weltweit verbreitet, sie hat reale Wurzeln in der Vergangenheit, als wir und die Wölfe unter ganz anderen Bedingungen mit- und nebeneinander lebten. Aber das ist vorbei.

Den zahlreichen Frauen, Damen, Mädchen, die sich bei uns mit dem Thema Wolf beschäftigen, ist übrigens der Einwand geschuldet, dass das Wolfsmanagement keineswegs „männerdominiert“ ist, wie Sie schreiben. Im Gegenteil! Eine kurze Rechnung über den Daumen ergibt einen deutlichen femininen Überschuss.

Wölfe, schreiben Sie, „halten nichts von Nachhaltigkeit.“ Stimmt – wenn Sie dabei nur an Schafe denken, natürliche Beutetiere aber ausblenden. Die nämlich jagt der Wolf durchaus nachhaltig, indem er seine Nachwuchsrate und die Größe seines Territoriums dem Beuteangebot anpasst. So kommt es, dass Wölfe ihre natürlichen Beutetiere nie ausrotten – anders als der Mensch, der zwar den Begriff der Nachhaltigkeit erfunden hat, aber bei der Umsetzung nicht sonderlich erfolgreich ist und deshalb seine Ressourcen vernichtet.

„Das Hauptproblem“ sehen Sie in der Fütterung der Wölfe. Ja, das ist eine Unsitte, aber es ist (bisher) ein sehr begrenztes, kleines Problem. Wir werden es allerdings scharf im Auge behalten müssen. Wölfe dürfen nicht verzogen werden und uns anbetteln. Vor verzogenen Wölfen müssen wir Angst haben.

Und schließlich zum Thema Ihrer Kolumne, der Bürokratie: Da haben Sie natürlich Recht, wir können lange Lieder davon singen. Aber die Wölfe können nichts dafür. Es ist die deutsche (meinetwegen westliche) menschliche Natur, die uns diesen Wildwuchs beschert. Sehen Sie sich in der Flüchtlingsszene oder sonst wo um, und Sie wissen, was ich meine.

Bleiben Sie dran an den Wölfen! Wir können Humor in der Wolfsszene gut brauchen.

Ihr Ulrich Wotschikowsky