Senckenberg antwortet den „Blauen“

Senckenberg antwortet den „Blauen“

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15.09.2018

Anlässlich einer Pressekonferenz der Partei „Die Blauen“ am 05.06.2018 in Dresden hat die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung die folgende Stellungnahme vorgelegt (Hervorhebungen und Kürzungen durch Wolfsite).

Dr. Carsten Nowak (41) vom Institut Sencken-berg in Gelnhausen.

Welche Erfahrungen hat Senckenberg bei der Wolfsforschung?

Der Wolf ist eine nach EU-Recht streng geschützte Art, zu deren Bestandsmonitoring in Deutschland die Bundesländer verpflichtet sind. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung wurde nach einem umfangreichen Auswahlverfahren des Bundesamts für Naturschutz den Bundesländern zur Nutzung als Referenzzentrum für genetische Wolfsanalysen empfohlen und untersucht seit Anfang 2010 alle bundesweit anfallenden Wolfsproben. 2016 wurde durch die Bundesregierung die „Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf unter der Führung Senckenbergs eingerichtet. Senckenberg arbeitet hierbei eng mit dem LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland, sowie mit dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin (IZW) zusammen. Senckenberg kooperiert darüber hinaus im Rahmen der Forschung zur Wolfsgenetik mit zahlreichen Institutionen aus dem In- und Ausland, beispielsweise den Universitäten in Arhus, Frankfurt, Oulu, Prag, Rom, Tartu, Wageningen und Warschau. Im Rahmen des internationalen CEwolf-Konsortiums werden Ergebnisse der genetischen Analysen zum Wolf in Mitteleuropa regelmäßig mit FachkollegInnen aus mehreren Län-dern abgeglichen.

Senckenbergs Expertise im Fachgebiet Naturschutzgenetik lässt sich durch mehr als 70 wildtiergenetische Publikationen in internationalen Fachzeitschriften in den letzten 10 Jahren belegen. Inner- und zwischenartliche Hybridisierung ist dabei ein zentraler Forschungsschwerpunkt und wurde bei zahlreichen Gruppen, wie Säugetieren, Vögeln und Insekten molekulargenetisch untersucht. Die Untersuchung der Schädel von Säugetieren ist eine der Hauptforschungsrichtungen der Abteilung Zoologie im Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz. Seit über 30 Jahren werden kraniometrische und kraniologische Untersuchungen an verschiedenen Arten absolviert. Die entsprechende Expertise ist im deutschsprachigen und internationalen Schrifttum mit über 30 Fachartikeln gut dokumentiert.

Wieviele Wolfshybriden gibt es nach aktuellem Stand in Deutschland?

Senckenberg liegen keinerlei wissenschaftliche Hinweise vor, dass es sich bei den deutschen Wölfen um Hybride handelt. Die modernen genomischen Analysen, deren Ergebnisse unabhängig vom eigenen Referenzprobenstamm sind, belegen klar, dass die heimischen Wölfe keinen erhöhten Hybridisierungsgrad aufweisen. Die Hybridisierungsrate beträgt anhand der umfassenden Datenerhebung aus dem Wolfsmonitoring unter 1 Prozent, was einen vergleichsweise niedrigen Wert darstellt. Das Thema Hybridisierung im deutschen Wolfsbestand spielt daher aus wissenschaftlicher Sicht aktuell nur eine untergeordnete Rolle.

Was ist dran an den „neuen Beweisen“ für zahlreiche Wolfshybride in Sachsen?

Bis heute wurden 68 in Sachsen tot aufgefundene bzw. euthanasierte Wölfe im Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz kraniologisch analysiert. Bei keinem Tier konnten Merkmale festgestellt werden, die auf eine Vermischung von Wolf und Hund (Hybridisierung) hindeuten. Bei der Bestimmung von Säugetieren kommt es nicht darauf an, wie viele Merkmale verwendet werden, sondern dass die charakteristischen Merkmale, hier die Wolf und Hund trennenden Merkmale beachtet werden. Im Rahmen unserer Analysen zur kraniologischen Unterscheidung von Wolf und Hund werden die entsprechenden Schädel vermessen und auf neun gut trennende qualitative Merkmale hin untersucht.

Die Schädel werden nicht numerisch nach der Anzahl der wolfstypischen Merkmale zugeordnet, sondern entsprechend der Variabilität aller Merkmale als Wolf bestimmt, wenn die Gesamtheit der Merkmale dafür spricht. Wolfsschädel weisen eine geringe Variabilität in der Ausprägung der qualitativen Merkmale auf. Sobald sehr sichere Merkmale, wie die Ausformung der Paukenblase (Bulla tympanica) nicht wolfstypisch ausfallen, wird eine molekulargenetische Untersuchung veranlasst. Des Weiteren ist es wichtig, dass die verwendeten Merkmale auch richtig bewertet oder gemessen werden. Dazu sind bestimmte Kenntnisse und eine gewisse Erfahrung notwendig, über die Senckenberg in der Arbeitsgruppe der Sektion Mammalogie des Senckenberg Museums für Naturkunde Görlitz verfügt.

Sind die von Senckenberg genutzten Analysemethoden aussagekräftig?

Die Basis für das bundesweite genetische Wolfsmonitoring bilden Mikrosatellitenuntersuchungen auf Basis der Kern-DNA, die einen individuell einzigartigen genetischen Fingerabdruck ergeben und Rückschlüsse auf Individuenzahlen, Verwandtschaften und das Vorkommen von Hybriden der ersten Hybridgeneration (F1) erlauben. Bislang wurden bei über 4000 Proben mit Wolfsverdacht Kern-DNA-basierte Mikrosatellitenuntersuchungen durchgeführt. Um auch weiter zurückliegende Hybridisierungsereignisse detektieren zu können, verwendet Senckenberg eine kürzlich entwickelte Methode (Harmoinen et al., in Vorbereitung; Kraus et al., 2015): Über einen sogenannten SNP-Chip werden zahlreiche über das komplette Genom verteilte Punktmutationen (SNPs) untersucht, an denen sich Wölfe unabhängig ihrer geografischen Herkunft sicher von Haushunden unterscheiden lassen. Die Methode basiert auf den Daten großer genomweiter Studien, die in den letzten Jahren von international führenden WissenschaftlerInnen durchgeführt wurden (z.B. Galaverni et al., 2017; von Holdt et al., 2012). Anhand der Methode lassen sich Hybridisierungsereignisse mindestens bis in die dritte Hybridgeneration (= zweite Rückkreuzungsgeneration) sicher nachweisen. Die Methode ist deutlich präziser und höher auflösend als herkömmliche Methoden. Senckenberg ist keine wissenschaftliche Institution bekannt, welche die Ergebnisse aus Morphologie und Genetik anzweifelt. Senckenberg stellt seine Ergebnisse und Methoden auf zahlreichen internationalen Konferenzen vor und kooperiert mit den führenden europäischen Laboren hinsichtlich der Wolfsgenetik. Unsere Methoden erfahren dabei große Zustimmung und werden mittlerweile von zahlreichen WissenschaftlerInnen verwendet. Senckenberg ist international aktuell kein Labor bekannt, welches im Rahmen des Wolfsmonitorings umfassendere genetische Daten erhebt oder überlegene Methoden anwendet.

Sollten die genetischen Untersuchungen von dafür akkreditierten Labors durchgeführt werden?

Bislang existieren keine genormten Standards für die Analyse und Interpretation von Wolfsproben, daher werden in dem Bereich keine Akkreditierungen vergeben, wie dies beispielsweise in der klinisch-diagnostischen Analytik üblich ist. Die bei Senckenberg praktizierten Methoden sind an die international üblichen wissenschaftlichen Verfahren angelehnt und werden in Kooperation mit anderen Institutionen ständig abgeglichen und weiterentwickelt. Bundesweit ist bisher kein akkreditiertes Applikationslabor bekannt, welches mit den dafür geeigneten Methoden Untersuchungen zur sicheren Unterscheidung von Hund, Wolf und deren Hybriden durchführt.

Warum werden die Proben zentralisiert bearbeitet?

Eine solche Zentralisierung ist sinnvoll, da im Unterschied zu menschlichen Proben genetische Untersuchungen am Wolf nicht genormt sind, so dass ein direkter Vergleich der Ergebnisse verschiedener Labore nicht ohne weiteres möglich ist. Die zentrale Bearbeitung anfallender Proben ist daher eine wesentliche Voraussetzung für eine bundesweit vergleichbare Bestandserfassung des Wolfes. Diese Vorgehensweise ist auch international üblich (z.B. in Frankreich, Schweden, Österreich, Schweiz).

Wie lange dauern die Analysen?

Ab Probeneingang benötigt das Labor in Gelnhausen für eine Artbestimmung durchschnittlich 8-10 Werktage. Anschließend gibt Senckenberg das Ergebnis umgehend an die zuständige Behörde weiter. Bei einem unklaren Ergebnis wird gelegentlich noch die Analyse einer B-Probe in Auftrag gegeben, was die Analysezeit entsprechend verlängert. Wann ein Ergebnis der Öffentlichkeit bekannt wird, liegt nicht in der Hand Senckenbergs. Die Ermittlung des Verursachers von Nutztierrissen stellt beispielsweise einen komplexen Prozess dar, in dem die genetische Analyse nur einen Teilschritt darstellt. Vom ver-strichenen Zeitraum zwischen einem Rissvorfall zur Bekanntgabe des Ergebnisses kann daher nicht auf die Dauer der genetischen Untersuchung geschlossen werden.