Ober- oder Untergrenzen für Wölfe?

Ober- oder Untergrenzen für Wölfe?

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 annaburg-kl-schnitt24.12.2016

Alle  reden von Obergrenzen. Auch im Wolfsgeschehen. Die Frage, wie viele Wölfe wir dulden wollen, wird die Wolfsdiskussion der nächsten Jahre entscheidend prägen. Die Population nimmt rasch zu, jedes Jahr werden es etwa dreißig Prozent mehr. Wenn es so weitergeht, dann wird Deutschland in weniger als zehn Jahren „voll“ sein von Wölfen. Über 400 Rudel werden dann das Land bevölkern. Ein Horrorszenario für manche, ein Geschenk des Himmels für andere.

Voll von Wölfen – das heißt, dass die wolfstauglichen Lebensräume dann von territorialen Wölfen (also Rudeln oder territorialen Paaren) besetzt sind. Diese Fläche entspricht gerade mal einem Drittel der Republik. Auf den anderen zwei Dritteln werden Wölfe umherwandern und durchstreifen, aber keine Rudel bilden. Das schließen wir aus einem Habitatmodell, das uns derzeit als Orientierungshilfe dient und sich in Polen gut bewährt hat.

Aber ein Modell ist ein Modell, ist der Versuch, eine Entwicklung abzuschätzen. Mehr ist es nicht. Deshalb wissen wir auch nicht, ob es die künftige Entwicklung zutreffend abbildet. Wir wissen auch nicht, welche Konsequenzen das hat. Wir haben keine Beispiele, an denen wir uns orientieren könnten; denn wo Wölfe vorkommen, werden sie bejagt, legal oder illegal oder beides, also in ihrer Zahl beschränkt. Wildnisgebiete, wo sich die menschlichen Eingriffe in bescheidenen Grenzen halten, sind nicht nur rar, sondern auch mit unserer dicht besiedelten, übervölkerten Kulturlandschaft kaum vergleichbar.

Man belehrt mich, dass große Beutegreifer sich selbst regulieren. Natürlich tun sie das. Wildschweine und Rothirsche, Biber und Füchse tun das auch. Weil wir uns Probleme ersparen wollen, die daraus entstehen können, greifen wir vorher ein – wenn auch nicht immer effizient, wie uns diese und manch andere Arten zeigen. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis, dass große Beutegreifer ihre Populationsdichte am Nahrungsangebot orientieren, ist wichtig für das ökologische Verständnis, aber nur wenig hilfreich, wenn es darauf ankommt, Konflikte zu lösen. Wer da meint, unsere Gesellschaft werde eine Selbstregulation der Wölfe zulassen, ist schlicht naiv.

Freilich kann und sollte man die Diskussion von Grenzwerten auch von der anderen Seite her beginnen: Wie viele Wölfe wollen wir mindestens haben? Auch dafür leistet das Habitatmodell eine Orientierungshilfe. Es zeigt uns, dass in jedem Land, wo sich manche einen Kopf machen wegen „Obergrenzen“, noch reichlich Platz für mehr Wölfe ist. Vor kurzem hat sogar Minister Wilhelm Backhaus (SPD), sonst sehr besonnen in der Wolfsdebatte, sich der Aufforderung angeschlossen, Obergrenzen festzustellen. Bei gerade mal zwei (!) Rudeln in seinem großen Land Mecklenburg-Vorpommern.

Egal, ob man Grenzwerte von oben oder von unten her betrachten will: Es ist völlig legitim, an das Wolfsmanagement solche Fragen zu stellen – wie viele Wölfe man dulden will, aber auch, wie viele man mindestens haben will. Es kann nicht schaden, dieses Thema zu diskutieren. Und wenn dabei Verbandsmotive mitspielen – etwa von Jägern, Schützern, Nutztierhaltern oder von wem auch immer – dann ist das völlig in Ordnung. Das ist gelebte Demokratie.

(Ein paar Tage vor Jahresende habe ich mich im Bereich des Annaburger Rudels umgetan, um zu erfahren, was es dort auf sich hat mit Großrudeln und Großrotten. Die Leute vom Truppenübungsplatz haben mich überaus freundlich empfangen und prima informiert. Auf dem Foto mit dem Grenzstein stehe ich mit einem Bein in Sachsen, mit dem anderen in Sachsen-Anhalt, und mein Schatten fällt nach Brandenburg.  Symbolträchtiger kann ein Bild nicht zusammenfassen, was gutes Wolfsmanagement bedeutet: Man braucht ein Standbein in jedem Lager. Ein Zweibeiner stößt da rasch an seine Grenzen…)

Ich wünsche allen Wolfsite-Lesern frohe Feiertage und ein gutes neues Jahr.

Ihr

Unterschrift UW

 

 

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