Nachbar Wolf

Nachbar Wolf

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10.07.2015

Vortrag von Eckhard Fuhr bei der Kreisjägerschaft Lauenburg, Mölln

Eckhard Fuhr, Autor des Buches

Eckhard Fuhr, Autor des Buches Rückkehr der Wölfe.

Bevor wir zu den Wölfen im Lauenburgischen kommen, möchte ich die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland in den Zusammenhang eines größeren Geschehens einordnen, in einen naturgeschichtlichen Trend, den man schon lange beobachten kann, der aber der Öffentlichkeit erst jetzt ins Bewusstsein tritt und für Verwirrung und Unsicherheit sorgt.

An alarmierende Nachrichten über den offenbar unaufhaltsamen Schwund der Artenvielfalt hat man sich gewöhnt. Nach dem gerade veröffentlichten Artenschutzbericht des Bundesamtes für Naturschutz sind ein Drittel der in Deutschland vorkommenden Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Verzweifelt stemmen sich Naturschützer gegen das Artensterben. Der Schutz der Biodiversität steht längst ganz oben auf der Agenda der internationalen Politik. Das alles konnte global gesehen den verhängnisvollen Trend bisher nicht stoppen.

Trotzdem ist Artenschutz nicht vergebens, ja er kann sogar spektakuläre Erfolge feiern und zwar gerade bei Arten und in Lebensräumen, bei denen man das nicht unbedingt erwartet. Ausgerechnet im dicht besiedelten Europa, dessen Naturräume seit Jahrhunderten völlig vom Menschen überformt sind, erleben große Raubtiere eine erstaunliche Renaissance. Wolf, Bär und Luchs und in Skandinavien auch der Vielfraß, ein Großmarder, breiten sich wieder aus, nachdem sie bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in weiten Gebieten ausgerottet worden waren. Die Rückkehr der Wölfe nach Mitteleuropa, seit langem Dauerthema in den Medien, ist nur ein besonders spektakulärer Ausschnitt aus diesem Gesamtgeschehen.

Ende 2014 veröffentlichten mehr als 70 Wissenschaftler aus 26 europäischen Ländern im Wissenschaftsjournal „Science“ eine differenzierte Bestandsaufnahme über Verbreitung und Populationsgrößen von Wolf (Canis lupus), Braunbär (Ursus arctos), Eurasischem Luchs (Lynx lynx) und Vielfraß (Gulo gulo) auf dem europäischen Festland ohne Russland, Weißrussland und die Ukraine (Guillaume Chapron et al.: Recovery of large carnivores in Europe’s modern human-dominated landscapes). Sie trugen alle verfügbaren Daten zusammen und kamen zu dem einigermaßen erstaunlichen Gesamtbild, dass das von Kulturlandschaften geprägte Europa ein durchaus „wilder“ Kontinent ist. Mindestens eine der genannten Arten kommt in fast allen Staaten vor. Die Autoren machen noch die Ausnahme Niederlande, Belgien, Luxemburg und Dänemark, aber auch dort ist jedenfalls der Wolf inzwischen aufgetaucht.

Das Untersuchungsgebiet umfasst rund 4,5 Millionen Quadratkilometer. Auf einem Drittel dieser Fläche, auf 1,5 Millionen Quadratkilometern, zeigt mindestens eine der vier Beutegreiferarten dauerhafte Präsenz, kommt also permanent vor. Bär, Wolf und Luchs gleichzeitig kommen auf einer Fläche von rund 600.000 Quadratkilometern vor. Das ist ein Gebiet von fast der doppelten Größe Deutschlands.

Wie groß sind die Bestände an großen Prädatoren in Europa? Bemerkenswerter Weise ist die größte der vier Arten, der Braunbär, auch die in absoluten Zahlen häufigste. Etwa 17.000 von ihnen leben in Europa in 22 Staaten. Dem Bär folgt der Wolf mit rund 12.000 Individuen in 28 Ländern. Der Luchs – gemeint ist der in Europa und Asien verbreitete Eurasische Luchs, nicht der tatsächlich vom Aussterben bedrohte Iberische Luchs oder Pardelluchs – bringt es auf 9.000 Individuen in 23 Ländern. Der Vielfraß ist auf Nordeuropa beschränkt und kommt mit etwa 1.200 Exemplaren nur in den skandinavischen Ländern vor.

17.000 Braunbären leben derzeit in Europa, mehr als jede andere große Beutegreiferart.

17.000 Braunbären leben derzeit in Europa, mehr als jede andere große Beutegreiferart.

Aufschlussreich ist der Vergleich mit Amerika, vor allem, was die Wölfe angeht. Vergleichbar mit dem europäischen Untersuchungsgebiet sind die Vereinigten Staaten von Amerika ohne Alaska, die „contiguous US“. Sie sind mit acht Millionen Quadratkilometern etwa doppelt so groß wie Europa ohne Russland, Weißrussland und die Ukraine und mit 40 Einwohnern pro Quadratkilometer weniger als halb so dicht besiedelt. Trotzdem leben hier nur halb so viele Wölfe (5.500), und auch das nur, weil man in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts begann, Wölfe in einigen Nationalparks wieder anzusiedeln. Amerikanische Naturschützer handeln überwiegend nach dem Grundsatz, dass Raubtiere und Menschen getrennt werden müssten, wenn Raubtiere eine Chance haben sollen. Sie richten ihre Anstrengungen deshalb darauf, Reservate einzurichten und Wildnisgebiete zu schützen. Die Tiere halten sich zwar nicht immer an dieses Ordnungsmuster. Vor allem Pumas und Schwarzbären suchen oft die Nähe menschlicher Siedlungen auf. Doch im Prinzip gilt die Separation Mensch-Raubtier. In Amerika gibt es so viel Platz, dass diese Naturschutzstrategie der Trennung der Lebensräume von Mensch und Raubtier den meisten plausibel erscheint.

In Europa, stellen die Autoren des Science-Reports fest, gäbe es keine großen Beutegreifer, wenn man diesem Separationsmodell folgte. Zwar werden auch in Europa immer mehr Nationalparks eingerichtet. Für Wolf, Bär und Luchs spielen diese Schutzgebiete aber keine Rolle, weil selbst die größten noch zu klein sind, um den Lebensraum ganzer Populationen zu umfassen. Unsere 10.000-Hektar-Parkwinzlinge im Schwarzwald, der Eifel oder dem Hunsrück sind selbst als Streifgebiet eines einzigen Wolfsrudels zu klein. Wir haben nicht die Option, dass große Beutegreifer in Schutzgebiete gehören. Wir haben diese Wildtiere entweder als unmittelbare Nachbarn, oder wir haben sie gar nicht.

Schaut man auf die Entwicklung der Populationen, muss man zu dem Schluss kommen, dass es in Europa mit dieser Nachbarschaft zwischen Mensch und Raubtier gar nicht so schlecht bestellt ist. Wenn man sich die Voraussetzungen dafür vor Augen führt, wird einem schnell klar, wie eng soziale, politische, kulturelle und natürliche Prozesse miteinander verflochten sind.

Wichtigste natürliche Voraussetzung für die Rückkehr der großen Beutegreifer ist ein historisches Populationshoch ihrer klassischen Beutetiere, also der großen wildlebenden Paarhufer Reh, Rothirsch und Wildschwein. Diese Arten sind längst auch in Gebiete etwa Italiens, der Schweiz oder Frankreichs zurückgekehrt, wo sie durch Jagd nahezu ausgerottet waren. Die Jagdtradition im deutschsprachigen Raum mit ihrer „Hege“ hatte zwar immer für relativ hohe Schalenwildbestände gesorgt. Hier kam es seit etwa 30 Jahren auf hohem Niveau zu einer weiteren drastischen Vermehrung dieser Arten, vor allem aufgrund veränderter Landnutzung. Zu fressen also finden Wolf und Luchs überall in Europa genug.

Der vom Menschen geformte Lebensraum, der mit intakter Natur nichts zu tun hat, ist für die großen Räuber kein Problem, sondern eher ein Schlaraffenland, in dem es aus ihrer Sicht nur einen großen Haken gibt. Und das sind die menschlichen Mitbewohner. Nur wenn die ihre pelzigen Nachbarn akzeptieren, haben diese eine Chance.

Noch vor einer Generation hielt die Mehrzahl der Europäer die Ausrottung der großen Raubtiere für einen Fortschritt, zumindest für einen notwendigen Tribut an die Moderne. Selbst Naturschutzpioniere wie Bernhard Grzimek glaubten nicht daran, dass Wölfe noch einmal ihre Fährte in Deutschland ziehen könnten. Diese gesellschaftliche Grundeinstellung hat sich, zumindest in der urbanen Bevölkerung, gründlich geändert. Beutegreifer werden heute von den meisten als notwendiger Teil einer insgesamt schützenswerten Natur betrachtet, womit die Frage noch nicht beantwortet ist, wie nah der Einzelne diese Tiere in seiner Nachbarschaft haben will.

Ein Glücksfall für den Artenschutz ist es, das ist der dritte wichtige Faktor, dass die europäischen Nationen auf diesem Gebiet verbindliche Formen der Kooperation gefunden haben. Die von mehr als 40 europäischen Staaten unterzeichnete Berner Konvention zum Schutz wildlebender Tiere und Pflanzen machte 1979 den Anfang. Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU aus dem Jahr 1992 implantierte ein Naturschutzregime, das die Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, bedrohte Arten und ihre Lebensräume nicht nur zu schützen, sondern aktiv auf einen „günstigen Erhaltungszustand“ dieser Arten hin zu arbeiten. Bär, Wolf und Luchs profitieren also von starken rechtsstaatlichen Verfahren und Institutionen, die auch im ehemaligen sowjetischen Machtbereich relativ schnell und erfolgreich eingeführt werden konnten. Rechtssicherheit ist nicht nur die wichtigste Voraussetzung für das Glück der Bürger, sondern auch für das ihrer tierischen Mitgeschöpfe. Es ist die relative politische, rechtliche und soziale Stabilität Europas, die dem Wilden sein Daseinsrecht verschafft. Dieses Wilde existiert nicht als romantisches Gegenbild zur Zivilisation, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der vom Menschen geprägten Lebenswelt. Das Wilde ist nicht dort, wo die Zivilisation noch nicht hingekommen ist, wie man das in amerikanischer Tradition meint. Es ist mitten unter uns. Diese Erkenntnis mag für manchen noch überraschend sein. Sie ist nicht leicht einzuordnen in ein weit verbreitetes Denkmuster, das „Natur“ nur als vom Aussterben bedrohte „Reste“ kennt, als etwas „Ursprüngliches“, das vom Menschen „zerstört“ wird. Die großen Räuber aber nutzen Verhältnisse, die vom Menschen geschaffen wurden.

Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Europäer den zurückkehrenden Raubtieren wohlwollend gegenübersteht. Wenn die neue Nachbarschaft auf Dauer gut gehen soll, sind Nüchternheit und Realismus nötig. Romantisch verklären als ultimativen Friedenschluss zwischen Mensch und Natur darf man diese neue Nachbarschaft nicht.

Wölfe in Deutschland

Obwohl man den Trend zur Rückkehr der Räuber eigentlich schon lange beobachten kann, hat die stürmische Wiederausbreitung der Wölfe doch selbst Experten überrascht. Als im Jahr 2000 in der sächsischen Oberlausitz zum ersten Mal seit 150 Jahren ein Wolfspaar in Deutschland Welpen großzog, rechnete niemand ernsthaft damit, dass 15 Jahre später der deutsche Wolfsbestand auf mehr als 30 Rudel angewachsen sein würde. Die Ausbreitungsrichtung ist Nordwesten. Ein territoriales Paar hat sich in der Nähe von Cuxhaven angesiedelt. Ost- und Norddeutschland wird in absehbarer Zeit flächendeckend von Wölfen besiedelt sein. Aber auch im Süden und Südwesten zeigen sich immer öfter Zuwanderer. Bei Frankfurt wurden im Frühjahr zwei Wölfe überfahren und kürzlich einer bei Lahr in Südbaden. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die mitteleuropäische Flachlandpopulation, zu der die deutschen Wölfe überwiegend gehören, und die italienisch-französische Population, die bis in die Alpen, den Jura und die Vogesen vorgedrungen ist, sich berühren und zu einem genetischen Austausch kommen, was die Zukunftsperspektiven für die mitteleuropäischen Wölfe dramatisch verbessern würde.

Aber deren Zukunft hängt eben nicht nur von ihrer natürlichen Vitalität ab, sondern vor allem von der Akzeptanz, die sie bei ihren menschlichen Nachbarn finden.

Lassen Sie mich abschließend einige kurze Anmerkungen zu drei Konfliktfeldern machen.

An Bedeutung alle anderen überragend ist der Konflikt zwischen Schafhaltung beziehungsweise extensiver Weidewirtschaft und Wolf. Das ist auch ein Zielkonflikt innerhalb des Naturschutzes. Wenn der Wolf tatsächlich die extensive Weidewirtschaft dauerhaft zurückdrängen würde, wäre das ein Desaster. Wirksame Methoden des Herdenschutzes sind noch nicht für alle Landschafts- und Haltungsformen gefunden, ich nenne die Almwirtschaft und den Küstenschutz. Hier muss noch nach praktikablen Wegen gesucht werden, auch was die Abgeltung zusätzlicher Kosten und zusätzlichen Arbeitsaufwandes angeht.

Beim Konfliktfeld Jagd-Wolf plädiere ich für Gelassenheit. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass der Wolf den Jäger arbeitslos macht. Bei den großen Schalenwildarten, vor allem beim Rotwild, müssen wir Jäger umdenken, aber das müssten wir auch ohne den Wolf. Er zwingt dazu, dass aus dem Lippenbekenntnis des großräumigen Wildmanagements endlich Taten folgen. Und er macht die Fixierung auch so mancher Hegegemeinschaft auf die gerechte Verteilung der Einser-Hirsche obsolet. Und wie im Hochgebirge Wintergatter bei Wolfspräsenz funktionieren sollen, das weiß noch kein Mensch. Auch dieses Thema muss wie überhaupt die ganze zuweilen an Halbdomestikation grenzende Rotwildhege gründlich bearbeitet werden. Wenn der Wolf überall hin darf, kann man das Rotwild eigentlich nicht mehr in Bewirtschaftungsbezirke einsperren.

Wann wird der Wolf eines Tages seinen Ruf als Menschenfresser los? Foto Uwe Anders.

Wann wird der Wolf eines Tages seinen Ruf als Menschenfresser los? Foto Uwe Anders.

Schließlich die Frage, wie gefährlich Wölfe für uns Menschen selbst sind. Die letzten tödlichen Attacken von nicht tollwütigen Wölfen gab es in West- und Mitteleuropa in den Fünfziger- und Siebzigerjahren im Nordwesten Spaniens, wo vier Kinder von Wölfinnen getötet wurden, die Welpen in unmittelbarer Nachbarschaft von Geflügelfarmen großzogen. Sie waren zumindest habituiert, also an den Menschen gewöhnt, wahrscheinlich auch konditioniert, betrachteten den Menschen also als Nahrungsquelle. Das Entstehen solcher Bedingungen muss konsequent unterbunden werden. Der auffällige Welpenjahrgang aus Munster, der uns in den vergangenen Monaten beschäftigt hat, hätte schon viel früher die Alarmglocken schrillen lassen müssen. Es ist gut, dass nun genau beobachtet wird, was da auf dem Truppenübungsplatz passiert.

Ein Restrisiko lässt sich bei einem großen Raubtier wie dem Wolf nicht ausschließen. Aber ich stehe auf dem Standpunkt, dass wir Europäer uns nicht auf ein Gewohnheitsrecht berufen können, nur mit ungefährlichen Tieren zusammen zu leben, während wir von Afrikanern verlangen, dass sie sich mit Löwen, Krokodilen, Nilpferden und Elefanten arrangieren, die Jahr für Jahr mehr Opfer fordern als in Europa Wölfe in hundert Jahren.