Die großen Beutegreifer im Europa von heute

Die großen Beutegreifer im Europa von heute

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In Sience, einem hoch angesehenen wissenschaftlichen Journal, ist ein umfangreicher Bericht über den Status der Großen Beutegreifer in Europa erschienen: Recovery of large carnivores in Europe’s modern human-dominated landscapes. Guillaume Chapron et al., Science 346, 1517 (2014). Sechsundsiebzig (!) Autoren aus sechsundzwanzig Ländern – darunter erstmals auch aus Albanien, Bosnien-Herzegovina und Macedonien – haben zur Darstellung der Situation von Braunbär, Eurasischem Luchs, Wolf und Vielfraß auf dem Europäischen Kontinent beigetragen. Material und Daten für den umfangreichen Bericht wurden maßgeblich von der Large Carnivore Initiative for Europe (LCIE) beigetragen. Russland, Weißrussland und die Ukraine sind nicht mit dabei.

Verbreitung des Wolfes in Europa. Orange: ständiges Vorkommen, gelb: sporadisches Vorkommen.

Verbreitung des Wolfes in Europa. Orange: ständiges Vorkommen, gelb: sporadisches Vorkommen.

Die meisten Populationen sind auf dem Weg, sich von ihren historischen Tiefständen anfangs bzw. Mitte des 20. Jahrhunderts zu erholen. Die Wende setzte erst nach dem zweiten Weltkrieg ein. Auf einem Drittel Europas (1,5 mio km²) kommt nun wieder mindestens eine dieser Arten ständig vor. Drei Arten gemeinsam gibt es auf 594.000 km². Alle bilden Populationen auch in Landschaften mit hoher Bevölkerungsdichte, die stark verändert und fragmentiert sind und intensiv genutzt werden.

Für die einzelnen Arten kommt der Bericht zu folgenden Ergebnissen: Es gibt in Europa (ohne Russland, Weißrussland und Ukraine)
17.000 Bären in zehn Populationen (485.000 km²),
9.000 Luchse in elf Populationen (813.000 km²),
12.000 Wölfe in zehn Populationen (798.000 km²),
1.250 Vielfraße in zwei Populationen (248.000 km²).

Wie ist es zur Renaissance der Beutegreifer gekommen?
Der Bericht nennt fünf wesentliche Gründe für diese Trendumkehr:
• Bessere Schutzbestimmungen auf nationaler und internationaler Ebene als Folge eines veränderten Umweltbewusstseins.
• Eine zunehmende Bereitschaft der Gesellschaft, mit großen Beutegreifern zusammenzuleben.
• Eine lange Zeitspanne relativ stabiler politischer Verhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg.
• Starke Institutionen im Management von Forstwirtschaft, Jagd und Umweltschutz und große Rechtssicherheit.
• Voraus gegangen war eine Erholung der Wälder nach drastischer Übernutzung seit dem Mittelalter, die eine Schlüsselrolle für Beutegreifer bilden, und ein Aufschwung der wilden Huftierbestände, also reichlich natürliche Beute.

Das Autorenteam unterscheidet zehn Wolfspopulationen. Dunkelblau: ständiges Vorkommen, hellblau: sporadisches Vorkommen. Gelb sind die Trennlinien zwischen benachbarten Populationen.

Das Autorenteam unterscheidet zehn Wolfspopulationen. Dunkelblau: ständiges Vorkommen, hellblau: sporadisches Vorkommen. Gelb sind die Trennlinien zwischen benachbarten Populationen.

Was lernen wir daraus?
• Selbst in stark veränderten, vom Menschen dominierten Landschaften ist die Erhaltung von großen Populationen großer Beutegreifer möglich.
• In Europa lässt sich der Erfolg des Konzepts land sharing (Koexistenz) demonstrieren – im Gegensatz zum Konzept des land sparing, das eine Zukunft für große Beutegreifer nur in kaum besiedelten Schutzgebieten sieht.
• Im europäischen Koexistenz-Konzept leben doppelt so viele Wölfe (>11.000) wie in den USA (ca. 5.500), obwohl Europa nur halb so groß (4,3 Mio km² gegenüber 8 Mio km²), aber doppelt so dicht besiedelt ist (97 gegenüber 40 Einwohner pro km²).
• All dies eröffnet die Chancen für ambitionierte Biodiversitätsprogramme in Europa, trotz der Tatsache, dass es auf dem Kontinent kaum oder gar keine Wildnis mehr gibt.

Aber Vorsicht:
Viele der Konflikte, die einst zum drastischen Rückgang der großen Beutegreifer geführt haben, sind immer noch gegeben, z.B. die Verluste an Haustieren. Und es entwickeln sich komplexe soziale Konflikte, wo Beutegreifer eine symbolhafte Wirkung quer durch die Gesellschaft entfalten. Es ist deshalb notwendig, sowohl die ökologische Situation als auch das sozio-politische Klima aufmerksam zu beobachten, um sicherzustellen, dass der gegenwärtige positive Trend anhält.