Erst der Mensch macht aus dem Wolf die Bestie

Erst der Mensch macht aus dem Wolf die Bestie

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27.04.2015

Am Anfang aggressiver Auftritte von Wölfen gegenüber Menschen steht in vielen, vielleicht den meisten Fällen menschliches Fehlverhalten: Erst werden Wölfe an Menschen gewöhnt (habituiert), vielleicht mit wiederholten Futterangeboten sogar futterkonditioniert – dann folgt zudringliches Benehmen, bis hin zu Attacken mit Verletzungen. Diese Schlussfolgerung ergibt sich aus einer Recherche des Alaska Department of Fish and Game 2002.

Wie gefährlich sind Wölfe wirklich? Als Standarderklärung auf diese Frage gilt für Europa der Bericht The Fear of Wolves (Linnell et al. 2002), demzufolge nach Ende des 2.Weltkrieges vier tödliche Übergriffe von nicht tollwütigen Wölfen dokumentiert sind. Dabei wurden innerhalb weniger Jahre in Spanien vier Kinder von Wölfen getötet, die sich von den Abfällen einer Geflügelfarm ernährt hatten, also offenbar futterkonditioniert waren. In welchem Ausmaß es darüber hinaus noch zu anderen gefährlichen Begegnungen von Menschen mit Wölfen kam oder kommt, ist kaum oder nur lückenhaft dokumentiert. In Nordamerika war man lange Zeit davon ausgegangen, dass Wölfe für Menschen keine Gefahr darstellten. Dann aber kam es im Jahr 2000 in Alaska zu einem Wolfsangriff mit eindeutigem Predationscharakter auf ein Kind (siehe unten, Fall 15). Das Alaska Department of Fish and Game nahm den Fall zum Anlass einer Recherche, aus der Wolfsite hier in Auszügen berichtet (Mark E. McNay 2002: A case history of wolf-human encounters in Alaska and Canada. Wildlife Technical Bulletin 13, 2002). Anzumerken ist, dass sich zwei tödliche Wolfsangriffe (Saskatchewan 2005, Kent Carnegie, getötet von habituierten Wölfen; und Alaska 2009, Candice Berner, getötet beim Joggen von mehreren nicht habituierten Wölfen) erst nach McNays Untersuchung ereigneten und deshalb nicht in seinem Bericht enthalten sind.

Zwei der futterkonditionierten Wölfe, die im Jahr 2005 einen jungen Mann in Saskatchewan töteten (Foto: Chris van Galder)

Zwei der futterkonditionierten Wölfe, die im Jahr 2005 einen jungen Mann in Saskatchewan töteten (Foto: Chris van Galder)

Das von McNay untersuchte Gebiet – Alaska, Kanada und Wisconsin – beherbergte im betrachteten Zeitraum 59 – 70.000 Wölfe. Das sind etwa fünf- bis sechsmal so viele wie derzeit in Europa, allerdings bei einer deutlich geringeren menschlichen Besiedlungsdichte. Die meisten der von ihm recherchierten 80 Fälle ereigneten sich nach 1970. 39 Fälle (48%) ließen sich aggressivem Verhalten gesunder Wölfe zuordnen. In weiteren 29 Fällen (37%) verhielten sich die Wölfe vertraut, aber nicht aggressiv. In zwölf Fällen (15%) waren die Wölfe tollwütig. In sechs der 39 aggressiven Begegnungen mit gesunden Wölfen befanden sich Hunde in Begleitung der Menschen bzw. waren der Auslöser für die Kontroversen. Sechzehnmal kam es zu Bissverletzungen, sechs davon waren ernsthaft, jedoch keine tödlich.

McNay unterteilt die Gruppe AGGRESSIVE BEGEGNUNGEN in sieben Verhaltenskategorien:

Agonistisches („feindseliges“) Verhalten (14 Fälle)

Fall 5: 1995, Nunavut, Ellesmere Island. Wildlife Officer Thabita Mullin steht vor ihrer Unterkunft. Sie beobachtet und fotografiert ein elfköpfiges Wolfsrudel, das in das Forschungscamp kommt und, als die Wölfe sie sehen, sich bis auf 10m nähert und Halt macht. Ein einzelner Wolf umkreist sie einmal. T.M. wendet sich beunruhigt um und will in ihre Unterkunft, nur 5m entfernt. Als sie die Hand an die Türklinke legt, greift der einzelne Wolf nach dem Handschuh, der an ihrem Handgelenk hängt. Sie reißt den Handschuh zurück, doch der Wolf hält fest. Sie schreit den Wolf an, er lässt los, sie geht ins Haus, die Wölfe ziehen ab. T.M. hat die Wölfe nie gefüttert und kann nichts darüber sagen, ob die Wölfe im Camp gefüttert worden sind. Sie weist aber darauf hin, dass Wildfotografen den Wölfen gelegentlich Futter anbieten und dass die Wölfe abseits des Camps Zugang zu Abfall haben. McNay stellt fest: „Das beobachtete Verhalten legt die Vermutung sehr nahe, dass es sich in diesem Fall um futterkonditionierte Wölfe handelte. Der Griff des Wolfes nach dem Handschuh hat große Ähnlichkeit mit anderen Fällen, bei denen futterkonditionierte Wölfe erwarteten, Futter zu bekommen.“

Predation (drei Fälle)

Fall 15: April 2000, Icy Bay, Alaska. Ein Wolf erscheint auf 3m bei zwei Jungen, sechs und neun Jahre alt. Sie laufen davon. Der kleinere wird nach 40m von dem Wolf gegriffen. Als Erwachsene den Wolf vertreiben wollen, versucht er, das Kind wegzuschleppen. Er wird 10min später geschossen. Der Wolf (Rüde) war früher besendert, ist fünf Jahre alt und vergleichsweise klein (geschätzt 35 kg). Straßenarbeiter haben ihm wiederholt Futter zugeworfen, er hielt sich in der Nähe des Arbeitsplatzes auf und war nicht scheu. Das Kind überlebt.

Fall 16: Algonquin Provincial Park, 1998. Während des Sommers wird ein vertrauter Wolf nahezu täglich an einem Campingplatz gesehen, insgesamt wahrscheinlich von mehreren tausend Menschen. Er ist nie aggressiv, greift allerdings viermal Hunde an. Im Herbst jedoch verfolgt er ein Elternpaar mit dessen vierjähriger Tochter und versucht hartnäckig, das Kind zu greifen. Zwei Tage später greift er ein 19 Monate altes Kind, das 6m entfernt von seinen Eltern auf dem Boden sitzt. Der Wolf wird vertrieben und am nächsten Tag geschossen. Das Kind überlebt. Im selben Park kommt es in den Jahren 1987 – 96 in weiteren vier Fällen zu Bissverletzungen durch habituierte Wölfe.

Fall 17: Koyukuk, Alaska, ca. 1900. In seinem Buch Shadows on the Koyukuk berichtet Sydney Huntington von einem Schiffskapitän, der als Kind beim Spielen an einem Fluss von einem Wolf am Kopf gegriffen und weggeschleppt wurde. Erwachsene retteten ihn, er trug eine große Kopfwunde davon.

Beutetest oder Scheinangriff (acht Fälle)

Dieses Verhalten ist schwierig von anderen aggressiven Formen zu trennen. Die acht Fälle, die McNay diesem Bereich zuordnet, hatten jedoch keinen Zusammenhang mit Habituierung, Futterkonditionierung oder Tollwut.

Fall 19: Whale Cove, Northwest Territories, 1985. Zwei Biologen haben vom Hubschrauber aus ein Karibu gefangen. Während sie das Tier behandeln, bemerken sie in 200m Entfernung einen Wolf. Er kommt bis auf 10m an den laufenden Rotor des Hubschraubers heran. Beide Männer gehen dem Wolf laut rufend und Arme schwenkend entgegen. Dieser bewegt sich in geduckter Haltung um einen der Männer herum und als dieser ihm weiter entgegen geht, springt ihn der Wolf an und verbeißt sich in seinem linken Bein. Trotz Schlägen mit der Faust auf den Kopf hält der Wolf den Griff mehrere Sekunden, bis ihn der zweite Mann mit einem Senderhalsband bewusstlos schlägt und anschließend ersticht. Es handelt sich um eine sieben Monate alte Wölfin, 22 kg, in normaler körperlicher Verfassung. Die Bissverletzung ist harmlos. Ein Tollwuttest verläuft negativ. Die beiden Biologen haben keine einheitliche Erklärung für das Verhalten der Wölfin.

Fall 20: nahe Duluth, Minnesota, 1982. Ein 19jähriger ist im Januar auf Hasenjagd in dichtem Busch, als er von einem Wolf angesprungen wird. Er hält sich den Wolf mit festem Griff an der Kehle vom Leib und es gelingt ihm, sein Gewehr (Kleinkaliber .22) abzufeuern. Daraufhin flüchtet der Wolf. Er hat nicht zugebissen. Der Jäger trägt ein paar Kratzwunden davon. Dave Mech hält es für möglich, dass der Wolf den Mann in dem dichten Busch für ein Karibu gehalten hat.

Verteidigung (14 Fälle)

Wölfe verteidigen gelegentlich die Wurfhöhle, die Welpen, einen Rendezvousplatz oder sogar verletzte oder tote Rudelmitglieder durch Heulen oder Kläffen, manchmal auch durch Scheinangriffe.

Fall 27: Ketchikan, Alaska, 2000. Drei Jäger queren einen steilen Bachgrund, als plötzlich drei Wölfe auf sie zu rennen. Die Wölfe verhalten bei 30m und fallen in Schritt, während sie kläffen und heulen. Die Jäger ziehen sich sofort zurück, hören aber Winseln und hohes Heulen und Kläffen im Hintergrund, woraus sie auf die Nähe von Welpen schließen. Vermutlich waren sie auf einen Rendezvousplatz gestoßen. Provozierte Selbstverteidigung (vier Fälle) Nur selten greifen Wölfe in Selbstverteidigung an.

Fall 37: Goodpaster River, Alaska, 1998. Beim Versuch, eine Wölfin vom Hubschrauber aus zu immobilisieren, versucht diese den Schützen im Hubschrauber anzuspringen. Sie bekommt die Landeschiene zu fassen und lässt erst 2m über dem Boden los. Tollwut (12 Fälle). Die Fälle mit tollwütigen Wölfen laufen nach dem bekannten Muster ab: Unvermutete, wiederholte, nicht provozierte Angriffe.

In der Gruppe NICHT AGGRESSIVE BEGEGNUNGEN – dabei handelt es sich um neugierige Suche bzw. neugierige Annäherung – schreibt McNay: „Neugieriges Verhalten ist bei Wölfen stark ausgeprägt. Wenn Wölfe keine schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, erscheinen sie auf Zeltplätzen, auch in entlegenen Camps und sogar in Dörfern, wo sie solche für sie neuartigen Dinge untersuchen, auch auf der Suche nach Nahrung. Wenn sie Nahrung finden, können sie sich die Suche danach angewöhnen. Finden sie nichts fressbares, so kauen sie manchmal auf Schuhen, Camputensilien, Schlafsäcken oder Kleidungsstücken herum. Solche Wölfe werden oft als nicht aggressiv beschrieben, doch ihr neugieriges Verhalten kann schließlich zu einem blutigen Zwischenfall führen.“

Schließlich erwähnt McNay acht Fälle, die vom Labor für Virologie Alaska protokolliert worden sind. „Alle darin beschriebenen Wölfe waren tollwutnegativ und nicht habituiert oder futterkonditioniert. Sie zeigten wenig Scheu vor Menschen, offenbar weil sie Menschen nicht kannten und nicht gelernt hatten, sie zu meiden. Solche Ereignisse sind häufig in entlegenen Gebieten Kanadas und Alaskas mit geringer menschlicher Besiedlung, wo Wölfe in sehr ursprünglichen Gebieten leben.“

McNay’s Recherche bestätigt: Wilde Wölfe sind nicht gefährlich

Aus dem Bericht von McNay wird sich jeder das rauspicken, was ihm in sein Weltbild passt. Davor kann man nicht laut genug warnen. Zunächst ist McNays Recherche KEINE repräsentative Stichprobe aus dem Wolfsgeschehen. Die aggressiven Begegnungen sind gegenüber den harmlosen mit Sicherheit überrepräsentiert, weil dramatische Ereignisse eher den Eingang in Medien und Berichte finden. Ein großes Ausrufezeichen verdient jedoch die extreme Seltenheit kritischer Ereignisse – egal ob aggressiver oder harmloser Natur: Nicht einmal drei Begegnungen Wolf-Mensch pro Jahr sind es für wert befunden worden, irgendwo dokumentiert zu werden, und dies bei einem „Hintergrund“ von etwa 65.000 Wölfen, fünfmal die Zahl von Europa. Angesichts solcher Zahlenverhältnisse verbieten sich alle spitzfindigen Hoch- oder sonstigen Rechnungen von selbst. Vielleicht hat McNay deshalb auch auf eine kritische Analyse seiner Fallstudie verzichtet. Nur drei Fälle (Nr. 15, 16, 17) lassen sich nach McNay dem Verhalten „Predation“ zuordnen, d.h. die Wölfe betrachteten Menschen (Kinder) als Beute und versuchten, sie zu greifen. Zwei Fälle lassen sich eindeutig mit Habituierung in Verbindung bringen, der dritte liegt fast hundert Jahre zurück und ist nur als Anekdote veröffentlicht. Zu bedenken ist allerdings, dass die meisten Wölfe, die sich aggressiv verhalten haben, umgehend geschossen wurden. Wie sie sich verhalten hätten, wenn sie am Leben gelassen worden wären, bleibt offen.

Damit kommt der McNay-Bericht für Nordamerika zu einem ähnlichen Ergebnis wie der Linnell-Report für Europa: Normale (d.h. nicht habituierte) Wölfe sind für Menschen nicht gefährlich. Wenn bei den Munsterwölfen in Niedersachsen (und NUR bei diesen!) trotzdem Anlass zur Sorge und zum Eingreifen besteht, dann deshalb, weil es sich offenbar um Wölfe handelt, die habituiert (d.h. an Menschen gewöhnt) oder sogar – das ist eine Steigerung – futterkonditioniert (d.h. an wiederholte Futterangebote gewöhnt) sind. McNays Bericht zeigt sehr deutlich: „Normale“ Wölfe mögen neugierig, naiv, unternehmungslustig sein – aber damit hat sich’s dann auch. Erst wenn sie (mit oder ohne Futter) wiederholt positive Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, rücken sie näher an diese ran. Habituierung ist die Eingangspforte für gefährliches Verhalten.

Im dicht besiedelten Europa, vorneweg in Deutschland, werden wir die hohe Begegnungswahr-scheinlichkeit von Wölfen mit Menschen zu bedenken haben. Wenn die Wölfe weiter zunehmen, werden wir schon bald die höchste Kontaktrate Wolf-Mensch auf der ganzen Welt haben – das ist eine mathematische Binsenweisheit. Die Fälle von Habituierung und Futterkonditionierung werden zunehmen – das wird sich auch durch noch so viel Information und Aufklärung nicht ausschalten lassen; denn es wird immer Leute geben, die Wölfe „vertraut“ machen wollen – zum Beobachten, zum Fotografieren, wegen des Nervenkitzels oder aus schierer Gedankenlosigkeit. „Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“ – ein Narr, wer da meint, ausgerechnet beim Verhältnis Wolf-Mensch wäre das anders.

In dieser Tatsache begründet sich die große Bedeutung eines hoch qualifizierten Monitorings. Viel wichtiger als die Frage, ob es denn nun 280 oder 340 Wölfe sind, wird es künftig sein, Fehlentwicklungen im Verhalten der Wölfe rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Wenn das Monitoring solche Entwicklungen nicht rechtzeitig versteht, kann es in der Wolfsszene rasch ungemütlich werden. Erste Anzeichen dafür haben wir in Niedersachsen.