Ende der Willkommenskultur?

Ende der Willkommenskultur?

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11.01.2017

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Jetzt wird die Stoßrichtung der „Dresdener Resolution“ vom 28.11.2016 auch dem letzten klar. Da hatten sich die umweltpolitischen Sprecher von CDU und CSU über die Wölfe in Deutschland ausgelassen. Dann ist der Bund von der Umweltministerkonferenz der Länder aufgefordert worden, sich über die Populationsentwicklung der Wölfe „Gedanken zu machen.“ Mit solchen „Gedanken“ sind nun um die Jahreswende einige Politiker an die Öffentlichkeit getreten. Allesamt von CDU oder CSU, allesamt aus dem Landwirtschaftssektor – obwohl der Wolf dort gar nicht zu Hause ist, sondern im Naturschutzressort.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) fordert also eine „beschränkte Abschussfreigabe“ für Wölfe. Der sächsische Landwirtschaftsminister (er heißt ebenfalls Schmidt, CDU) stößt ins gleiche Horn. Sein bayerischer Amtskollege Helmut Brunner (CSU) hat den Almbauern schon im Sommer versprochen, sich für wolfsfreie Gebiete in den Alpen einzusetzen (Wölfe sind noch gar keine da). Beate Schlupp (CDU) fordert in Mecklenburg-Vorpommern „Obergrenzen“ für Wölfe schon seit Jahren (in dem dünn besiedelten Land gibt es gerade mal zwei Rudel). Und Politiker der FDP fordern unverdrossen (und sogar gegen die Jagdverbände), den Wolf ins Jagdrecht zu übernehmen (damit man ihn schießen kann, was denn sonst). „Das Ende der Willkommenskultur“ sei gekommen, verkündete kürzlich der Funktionär eines Landesbauernverbandes (als ob es eine solche im landwirtschaftlichen Sektor jemals gegeben hätte).

Was ist eigentlich passiert, das diesen Aktionismus rechtfertigen könnte? Nichts. Ja freilich – Wölfe haben Schafe gerissen. Das tun sie, seit es Schafe gibt. Das wird ihnen leicht gemacht, wo der Schutz der Weidetiere nicht ernst genommen wird. Sie haben nirgends ein Kind gefressen oder einen Menschen auch nur angeknurrt. Warum also die Aufregung?

Die Entwicklung müsse „kontrolliert,“ der „ungehemmten Ausbreitung Einhalt geboten“ werden – warum? Gerade mal etwa ein Siebtel des Bundesgebietes ist von Wölfen besiedelt, es sind gerade mal etwa sechzig Rudel, und wir sind weit entfernt von einem „günstigen Populationszustand,“ egal wo man diese Population nun verortet. Unser Beitrag zu einer vitalen Wolfspopulation in Mitteleuropa ist bisher anständig und wird international hoch geachtet (und verdient deshalb eher Lob als Tadel) – und ist dennoch zunächst eher bescheiden. Da machen uns andere, weniger wohlhabende Länder einiges vor!

Derzeit gilt es nicht, Wölfe zu schießen oder ihnen Grenzen zu verordnen. Derzeit gilt es, das Management der Wölfe voranzubringen, beim Herdenschutz und seiner Finanzierung Nägel mit Köpfen zu machen, den Weidetierhaltern unter die Arme zu greifen. Und dabei nicht in Almosenkategorien zu denken, sondern diesen Leuten ihr Auskommen dauerhaft und menschenwürdig zu sichern – gegen Monokulturwirtschaft, Massentierhaltung, bodenruinierende Abfallwirtschaft (das Gülleproblem!), Dumpingpreise, landfressende Siedlungs- und Verkehrspolitik etcetera, etcetera. Wäre ich Landwirtschaftsminister – ich hätte mächtig zu tun und wäre froh, die Sache mit den Wölfen dem Kollegen im Umweltressort überlassen zu können.

Politikerschelte liegt mir fern. Ich beneide die von uns gewählten Volksvertreter nicht um ihren täglichen Job, am wenigsten einen Landwirtschaftsminister. Er hat nicht nur einen Herkulesjob gegen die Agrarlobby zu bewältigen, sondern er verwaltet auch ein Ressort, das den größten Anteil am weltweiten Artensterben hat. Aber gerade deshalb kommen „Gedanken“ aus dieser Richtung zur Einschränkung einer Tierart, die auf dem Weg zurück ist, bei mir nicht gut an.

Ihr

Unterschrift UW