Ein Blick über den Zaun: die Wartheniederung

Ein Blick über den Zaun: die Wartheniederung

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16.08.2018

Peter Peuker ist Wolfsbeauftragter in Brandenburg und in seiner Freizeit ständig hinter den Wölfen her. Im Osten des Landes hat er inzwischen fünf Rudel unter Kontrolle (d. h. er sammelt die Daten für das Monitoring). Sein Arbeitsgebiet reicht bis an die Grenze zu Polen. Da liegt es nahe, sich mit den Nachbarn auszutauschen. Zusammen mit Andreas Dinkelmeyer vom IFAW organisierte er also für ein Dutzend Brandenburger Wolfsaktivisten eine dreitägige Besuchsreise nach Kostrzyn nad Odrą (Küstrin).

Unser „Leitwolf“ Peter Peuker.

Nach einer freundlichen Begrüßung durch die Nationalparkverwaltung werden wir am ersten Tag von Rangern ins Gelände begleitet. Der Park umfasst etwa 8.000 ha, nur 100 ha davon sind Wald. Die Wartheniederung ist im Frühjahr und im Herbst ein hot spot für Tausende durchziehende Vögel. Jetzt im Juni ist das Vogelleben eher ruhig, aber es haben sich bereits große Gruppen von Weißstörchen versammelt – und sogar von Schwarzstörchen, ein einmaliges Erlebnis für die meisten von uns. Dass auch immer wieder mal ein Seeadler hoch oben kreist, ist für Brandenburger allerdings nichts Besonderes. Freilich sind wir nicht wegen der Vögel hier, sondern wegen der Wölfe.

Acht Wolfsrudel haben sich nahe der Oder angesiedelt. Einige Territorien reichen über den Grenzfluss nach Brandenburg hinein. Vier Rudelterritorien liegen teilweise im Nationalpark. Wölfe werden regelmäßig in der Nähe von Ortschaften gesehen, ohne dass es deshalb zu Aufgeregtheiten kommt. Ihre Hauptbeute sind Rotwild und Schwarzwild. Der Rotwildbestand wird auf etwa 300 Stück geschätzt. Die Sauen, Zahl unbekannt, werden bejagt wegen der Afrikanischen Schweinepest, die noch nicht angekommen ist, aber erwartet wird. Rehe, heißt es, sind selten im Nationalpark.

Gar nicht selten aber sind Rinder und Pferde. Etwa zwei Drittel der Parkfläche werden von 4.000 Rindern und 700 Pferden beweidet. Die Beweidung ist Teil des Biotopmanagements zu Gunsten der Vogelwelt. Wir sehen große Mutterkuhherden, alle in größerer Entfernung. Wegen des strikten Wegegebotes kommen wir nicht nahe heran, aber das sei auch nicht ratsam, denn die Tiere seien Menschen kaum gewöhnt, wollen ihre Ruhe haben und sind auf Zweibeiner nicht gut zu sprechen.

4000 Rinder in freier Haltung (Foto Lech Jedras).

Die Rinderherden sind soziale Einheiten mit allen Altersklassen. Die Kälber werden draußen geboren, und einige Stiere sorgen dafür, dass der Nachwuchs nicht ausbleibt. Die Tiere sind das ganze Jahr über im Freien. Sie kennen keinen Stall, keine Hirten und keine Schutzhunde, keinen Zaun. Es ist die gleiche Haltungsform wie sie in Brandenburg mit mehreren hunderttausend (!) Rindern betrieben wird. Und die, wenn man dem Bauernbund glaubt, wegen der Wölfe zum Erliegen kommt.

Wie geht das in der Wartheniederung mit Wölfen zusammen? Reibungslos. Noch kein einziges Rind ist bisher von den Wölfen angefallen worden. Auch kein Kalb.

Das passt zum Gesamtbild in Polen. Acht Millionen Rinder weiden dort, darunter befinden sich etwa eineinhalb Millionen Kälber. Und es gibt insgesamt ungefähr 2.000 Wölfe. In Westpolen sind es etwa ebenso viele wie in Deutschland, 80 Rudel im April 2018. Pro Jahr fallen den Wölfen in ganz Polen etwa 120 Kälber zum Opfer.

Am zweiten Tag sind wir Gäste der Forstverwaltung im Wald von Cedynia. Dort ist Lech Jedras den Wölfen auf der Spur, seit sie sich um 2010 hier eingefunden haben. Das Monitoring ist in Polen außer in den Natura 2000 Gebieten leider keine verpflichtende Aufgabe. Die Forstleute machen das nebenbei. Lech Jedras zeigt uns großartige Fotos (die Welpen auf WOLFSITE vom 23.06.!), die er von den Wölfen inzwischen machen konnte. Obwohl keiner von uns der polnischen Sprache mächtig ist, spüren wir doch, dass sich die Forstleute ebenso wie die Nationalparkleute über die Wölfe freuen.

Robert Myslajek und Sabina Nowak.

Am Abend werden wir von Sabina Nowak und Robert Myslajek gründlich über die Wolfssituation in Polen informiert. Gründlich – das heißt bei Sabina: Keine Frage bleibt offen. Es wird ein langer Abend, den wir nicht vergessen werden. Robert ist Wissenschaftler an der Universität Warschau, Sabina ist Vorsitzende der Naturschutzorganisation Wilk (Wolf) und leitet das Monitoring in Polen – größtenteils ohne staatliche Unterstützung. Für die drei Tage, die sie mit uns verbringen, sind sie bis aus Krakau angereist – 500 km her und wieder hin. Für Wölfe ist ihnen kein Weg zu weit und nichts zu viel.

Wir haben eine Menge gelernt. Der Blick über den Zaun hat sich gelohnt. Wir bedanken uns aufs Herzlichste bei unseren polnischen Gastgebern, und ganz besonders bei Sabina und Robert.

Constanze Eiser, Christiane Schröder; Elena Wenz, Katrin Todt, Valeska de Pellegrini, Andreas Dinkelmeyer, Eckehardt Fuhr, Dr. Hannes König, Kay-Uwe Hartleb, Moritz Klose, Peter Peuker und Ulrich Wotschikowsky