Der Fluss der Gene

Der Fluss der Gene

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15.09.2018

Meine Enkelin, sie ist gerade mal acht, hat mich kürzlich gefragt: „Opa – hat der Fuchs einen Vorfahr?“ Ich war schlicht baff, wie kam sie bloß auf diese Frage. Aber dann erklärte sie mir den Vorgang der Domestikation! Selbstverständlich wusste sie, dass die Vorfahren unserer Pferde Wildpferde waren. „Und dann hat da mal jemand ein Fohlen gefunden, und noch eins, und die kriegten dann Kinder …“ Und jetzt wollte sie wissen, ob auch Füchse … klar, dass ich sofort vom Fuchs auf den Wolf kam, und dann auf den Hund.

Später habe ich mich gefragt, wie ich ihr, wenn sie mal älter ist und immer noch so wissbegierig wie heute, in einfachen Worten erklären könnte, wie das ist mit Evolution und Artenentstehung, und wenn’s denn sein muss: mit der Hybridisierung. Hier ein Versuch.

Da ist ein Fluss. Was da fließt, ist zu 99% Wasser – aber nicht nur. Es sind gelöste Mineralien dabei, feiner Sand, Phytoplankton – wie Salz in der Suppe. Bestandteile also, die dem Wasser einen ganz bestimmten Charakter verleihen.

Genauso ist es mit den Genen einer Tierart. Sie bestimmen, was eine Art von anderen Arten unterscheidet und sie unverwechselbar macht. Dabei hat eine Art den weitaus größten Teil ihrer Gene mit anderen, nahe verwandten Arten gemeinsam – der Schimpanse ungefähr 99% mit uns!

Während der Fluss dahinfließt, verändert sich sein Charakter. Es kommen andere Mineralien hinzu, weil er durch andere geologische Schichten fließt. Seine Temperatur ändert sich und auch das Phytoplankton. Das Dahinströmen des Flusses – das ist die Evolution. Das Genmaterial (das „Wasser“ samt seinen Ingredienzen) ändert sich durch die Veränderung (Mutation) von Genen.

Nun stellen wir uns vor, dass durch ein Naturereignis, z. B. einen Erdrutsch, ein schmaler Arm vom Hauptfluss abgezweigt wird. In der Geschichte des Hundes ist dies seine Geburtsstunde – der Beginn der Domestikation. Das Wasser des Flussarms ist anfangs noch genau das gleiche wie das des Hauptflusses. Aber mit der Zeit erfährt es Veränderungen. Nach einiger Zeit ist das Wasser im Nebenarm ein anderes als das im Hauptarm. Freilich ist es immer noch Wasser.

So sind aus einem Fluss zwei Flüsse entstanden. Übertragen auf unser Thema Wolf-Hund: So ist es zu zwei Unterarten gekommen. Das weit überwiegende Genmaterial der Unterarten Wolf (Canis lupus lupus) und Hund (Canis lupus familiaris) ist identisch. Ein sehr kleiner Teil davon unterscheidet jedoch den Wolf vom Hund.

Was geschieht nun, wenn etwas Wasser aus dem Nebenfluss „Hund“ zurück fließt in den Hauptfluss „Wolf?“ Nichts Besonderes. Die Ingredienzien des Wassers aus dem Nebenfluss „Hund“ verschwinden im Hauptfluss „Wolf.“ Vielleicht sieht man anfangs eine leichte Trübung, oder man bemerkt einen Unterschied der Wassertemperatur. Das ist vergleichbar mit der ersten oder zweiten Generation der Mischlinge. Danach ist der Hauptfluss der gleiche wie vorher.

Freilich hinkt jeder Vergleich. Im Fall Hund – Wolf ist der Nebenarm zum Hauptarm geworden: Es gibt heute viel mehr Hunde als Wölfe. Am Prinzip ändert das aber nichts.